Zwischen Kommerz und Karma – Weltyogatag 2019

Eine Erfolgsgeschichte.

Wäre der YOGADUDE eine drittklassige Dorfgazette, würde er diesen Beitrag mit folgenden (oder sehr ähnlichen) Worten beginnen: „Yoga ist endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Und dann würde etwas darüber folgen, dass nicht nur verkiffte Esoterikspinner auf die Matte gehen, sondern auch die so genannten Hausfrauen, Manager/Innen und sogar – Achtung, anschnallen: – die deutsche Fußballnationalmannschaft der MÄNNER! Allerdings ist der YOGADUDE keine Dorfgazette und er spielt natürlich in seiner ganz eigenen Liga (du darfst dir selbst ausdenken, welche Art von Liga das ist). Deshalb beginnt dieser Beitrag zum Weltyogatag etwas wortgewaltiger: „Yoga ist auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Kommerzialisierung angekommen.“ Yoga ist nicht nur was für verkiffte Esoterikspinner (ich mag diesen Ausdruck einfach), sondern fester Teil unserer florierenden Volkswirtschaft: Yoga im Büro („Für glückliche, gesunde und produktive MitarbeiterInnen“), Yoga auf dem Plakat deiner örtlichen Sparkasse („Ruhe für ihre Finanzen – auch in turbulenten Zeiten“), Yoga als Multimillioneneurogeschäft inklusive aller kapitalistischer Nebenwirkungen.

Und alle so: Om.

Mit Yoga lässt sich ordentlich Kasse machen. Als Yogalehrer weiß ich das, schließlich lebe ich auch davon, dass Menschen Geld bezahlen, um sich von mir in Sanskrit beim Bodenturnen anweisen zu lassen. Aber Yoga lässt mittlerweile auf vielen verschiedenen Wegen die Kassen lauter klingeln als alle Klangschalen (hast du schon eine eigene?) der Welt zusammen: Das richtige Outfit (Sommer/Winter/Übergangszeit/Zweitausstattung) lässt man sich genau so etwas kosten wie die perfekte Yogamatte (plus Reisematte). Der Urlaub heißt jetzt mindestens einmal im Jahr „Retreat“ und unter dem Jahr lässt sich mit einer dieser praktischen Fitness-Flatrates auch ein spannendes Studio-Hopping („in 782 Städten weltweit“) betreiben. Yogalehrer leisten sich außerdem jede Menge Fachliteratur, Hilfsmittel und vielleiht sogar ein eigenes Harmonium („Ja, es war teuer. Aber ich fühle mich mit diesem Instrument vollständig vereint.“). Yoga ist ein Wirtschaftszweig und damit auf einmal ziemlich interessant für findige Betriebswirte. Also war es auch kein Wunder, dass eine befreundete PR-Agentur kürzlich auf mich zutrat, um mir die Ergebnisse einer Yoga-Umfrage ihres Kunden aus der Event-Branche zu präsentiere. Offenbar gibt es mittlerweile so viele Yoga-Events, dass es sich lohnt, den wachsenden Markt zu analysieren.

The Power of Yoga.

Ich bin ja ein Werber alter Schule und gebe traditionell überhaupt nichts auf die Daten der Marktforscher. Im Prinzip geht es dabei nämlich immer darum, ein Geschäftspotenzial zu entdecken bzw. zu stützen und die Zahlen werden so ausgewertet, dass die Marktforscher guten Gewissens eine Rechnung schreiben können. Als systemrelevanter E-Commerce-Blogger durfte ich die aktuellen Zahlen einsehen und will dir die Daten zum deutschen Yogamarkt auch nicht vorenthalten:

2017 gab es 155 Yoga-Events, in 2018 bereits 449 – Die Anzahl an Events hat sich innerhalb von einem Jahr verdreifacht! (-> WACHSTUM!)

Größte Yogi-Stadt in 2018 war Berlin. (-> KAMPAGNENFOKUS AUF BERLIN!)

Aktuell gibt es folgende interessanten Yoga Trends in Deutschland: (-> TARGETING!)

  • Silent Disco Yoga
  • Yoga for Success (OMG!)
  • Yoga for Peace
  • Aerial Yoga
  • Wine and Yoga-Night
  • Lach-Yoga (HUMOR GEHT IMMER)
  • Nackt-Yoga (SEX SELLS)
  • Tantra-Yoga (SEX SELLS)

Wir kriegen sie alle.

Besonders wichtig für Marktforschung und Konsumstrategen: Eine superhippe Zielgruppe hochpotenzieller Produktkäufer. Aktuell sind das noch immer die vielzitierten Millennials, die – aufgrund verschiedener Faktoren – Geld haben und es auch ausgeben. Über die Millennials wurde folgendes herausgefunden:

  1. Millennials lieben Yoga mehr als die Gen Z es tut: Ein Fünftel (22%) der Millennials sagen, dass sie bereits an einem Yoga Workshop oder Event teilgenommen haben, verglichen zu nur 15 Prozent der Gen Z. (Harris/Eventbrite)
  2. Millenials sagen, dass der Hauptgrund, warum sie Yoga praktizieren, ist, Spannungen abzubauen und sich glücklicher zu fühlen. (OnePoll/Eventbrite)

Und jetzt kommt – nach dem ganzen Vorgeplänkel und dem Kommerz-Bashing – endlich der Teil, warum ich diesen Beitrag schreiben musste:

  1. 1 von 5 Yogis (21%) übt Yoga aus, um sich weniger alleine zu fühlen.

  2. 56% praktizieren Yoga in der Gruppe und sind danach „sehr glücklich“.

Mehr als Kommerz.

Aus meiner Position heraus gegen die Kommerzialisierung des Yoga zu wettern, ist an der Grenze zur Scheinheiligkeit. Ich mache jeden Tag Reklame: Für meinen Blog, meinen Yogaunterricht, meine Retreats, meine Workshops und meinen Online-Shop (10% Rabatt mit dem Code „yogastore10“). Außerdem siehst du hier ständig Produkte und Klamotten, die ich mir nicht unbedingt selbst gekauft habe (wenn du weißt, was ich meine). Aber hey, ich muss auch irgendwie die Miete zahlen, das ist kein Geheimnis. Und normalerweise hätte ich den Versuch dieser PR-Agentur (befreundet oder nicht), ihre Inhalte bei mir zu platzieren, wahrscheinlich ignoriert. Aber die letzten beiden Punkte der Studie zeigen, dass Yoga noch immer mehr ist als ein Geschäft – und ich hatte das so bisher eigentlich gar nicht auf dem Ticker… Menschen gehen zum Yoga, um sich weniger alleine zu fühlen. Und sind danach „sehr glücklich“. Wow. Wenn das so stimmt, ist Yoga noch immer der Zweig des Turbokaptalismus, in dem ich mein Geld verdienen will. Denn Glück kann man nicht kaufen, Yoga aber schon. Und wenn es jemandem hilft, sich besser zu fühlen, mache ich gerne weiterhin den Werbedude dafür. Namaste.

Hinweis: Die Umfrage, wurde im März 2019 unter mehr als 2.000 amerikanischen Erwachsenen von Eventbrite, gemeinsam mit Harris Insights und Analytics, durchgeführt. Ich danke meinen Freundinnen von Openers für die Bereitstellung der Daten.

Fotos: Eventbrite/Openers

 

Ein Gedanke zu „Zwischen Kommerz und Karma – Weltyogatag 2019

  1. Guten Morgen.

    Vielen lieben Dank für deine Gedanken und den tollen Beitrag. Ich bin noch neu unter den “Schreiberlingen” und finde in deinen Beiträgen immer wieder neue Themen, die mich dann beschäftigen.
    Nach dem ganzen Denken setz ich mich hin und will im WWW auch meinen Senf dazugeben. Ich hoffe, es ist für dich in Ordnung (natürlich achte ich auf … Plagiat, Quellenangaben usw.)

    Dann viel Spaß noch und ein wunderbares Wochenende.
    Sonnige Grüße, Alexandra

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