Von wegen normal – so ist Yoga 2020

Was ist schon normal?

Gehörst du auch zu den Leuten, die alles hinterfragen? Die ständig den Status Quo in Frage stellen und jedes Wort mindestens zwei oder dreimal im Kopf hin und her rollen, bevor sie es aus dem Gesicht kullern lassen? Ich nicht. Klar, ich denke wirklich gerne nach, aber relativ oft über eher Banales. Man kann ja nicht immer die ganz großen Fragen des Universums beantworten. Manchmal geht es auch um die nächste Mahlzeit, einen lustigen Fleck an der Wand oder ein unterschätztes Hair Metal Album (Cherry Pie von Warrant). Ist doch ganz normal, oder? Wobei: Was genau ist eigentlich normal? Ich denke mal die wenigsten Menschen würden sich selbst als normal bezeichnen. Wobei sie selbst wiederum die Mehrheit ihrer Mitmenschen als ganz normal empfinden. Durchschnittlich geradezu. Aber der Durchschnitt – das sind immer nur die anderen. Wir selbst sind super schräg, haben kleine oder große Ticks und leben mega individuell. Je mehr Leute ich in meinem langen, langen Leben treffe, desto mehr wird mir bewusst: So richtig „normal“ gibt es eigentlich gar nicht.

Das neue Normal.

Na gut, vor einigen Monaten war es noch normal, ohne Schutzmaske ins Restaurant zu gehen oder Menschen zu berühren, mit denen man sich nicht einen Haushalt teilt. Was dann passiert ist, wissen wir alle (ich kann das Wort „Corona2 nicht mehr schreiben, die Buchstaben dafür sind auf meiner Tastatur schon fast abgerieben). Und irgendwie haben wir uns alle daran gewöhnt, sogar die ständige Wut aufeinander und die erhobenen Zeigefinder verschwinden langsam aus unseren Social Media-Feeds. Hat das Virus am Ende unsere letzten Emotionen getötet oder steuern wir langsam aber sicher auf den Weltfrieden zu? Ich weiß es nicht. Denn ehrlich gesagt lese ich seit einigen Wochen keine Nachrichten mehr. Das mag zwar irgendwie ignorant sein, tut mir aber unheimlich gut. Nachrichten sind richtige schlechte-Laune-Garanten und das kann ich im Moment einfach nicht brauchen. Und die Welt wird vom Konsumieren der schlechten Neuigkeiten auch nicht besser, fürchte ich. 

Einfach abnormal.

Aber hätte ich mal nur die Nachrichten gelesen! Dann hätte ich gewusst, dass alle angsterfüllt die Flucht ergreifen, wenn ich mich ihnen nach meinem Urlaub in Kroatien und Italien nähere. Scheinbar ist in diesen Ländern irgendein Reproduktionswert gestiegen oder es ist generell gefährlicher, auf dem Campingplatz an der frischen Luft zu sein, als sich in München in eine überfüllte U-Bahn zu quetschen. Na ja, soziale Kontakte sind sowieso überbewertet. Als ich vor kurzem auf Facebook meinen Unmut über die Auswirkungen der Isolation auf Kinder geäußert habe, hat jemand mir erklärt, das müsse man als Eltern nur richtig anpacken. Als Yogalehrer ist es allerdings unumstritten die Hölle. Also für alle, die nicht schon immer davon geträumt haben, alleine zuhause vor einer Kamera zu unterrichten. Gestern Abend habe ich mich mit einer anderen Studiobetreiberin unterhalten und sie leidet wirklich unter der Qualität des Unterrichts. Und ich kann es absolut nachvollziehen, denn selbst mit einem geöffneten Studio ist Yoga nicht mehr, was es einmal war:

Vor der Yogaklasse
Je nachdem, wie du dich zum Yogastudio deiner Wahl bewegst, kann dir unterwegs schon die gute Laune vergehen. In oben erwähnter U-Bahn bekomme ich zum Beispiel Beklemmungen wegen der Maske. Andere führen sich aufgrund der menschlichen Nähe verunsichert. Und dann noch der Einlass ins Studio: Bitte nur einzeln, bitte mit Maske, bitte immer schön Abstand halten. Ja, das mag Leben retten, aber es nervt leider auch.

Während der Yogaklasse
Als wir bei SHIVA SHIVA YOGA wieder angefangen haben, „normal“ zu unterrichten, waren wir hell begeistert. Endlich ist es wieder wie früher“ Und im Vergleich zu den Kamera-Solo-Sessions war es das auch. Aber im Vergleich zum 15.03.2020 leider nicht. Jede Woche fehlt es mir mehr, einfach durch den Raum zu gehen, zu assistieren und zu massieren. Die Nähe, der persönliche Kontakt – das alles macht eine Klasse im Yogastudio aus. Alles andere könnte im Prinzip auch jemand mit einer schönen Stimme vorlesen.

Nach der Yogaklasse
Die Yoginis und Yogis, die uns jetzt wieder m Studio besuchen, sind sicherlich froh, dass sie endlich mal wieder in der Gruppe üben können. Und wir Lehrerinnen und Lehrer sind es auch – trotz der Einschränkungen. Aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack nach der Klasse. Weil der Unterricht ohne die persönliche Nähe eben nicht so intensiv ist, wie er sein sollte. Und ehrlicherweise auch, weil man nach einer eher schlecht besuchten Klasse weiß, dass man gerade 90 Minuten hart gearbeitet und dabei – finanziell betrachtet – Verlust gemacht hat.

Ganz normal bitte.

Normal ist für mich endgültig gar nichts mehr. Wobei immerhin der erwähnte Urlaub ein schönes Stück Normalität war. Diejenigen, die sich in Zeiten wie diesen auf einen Campingplatz trauen, sind furchtlos genug, um auch den Strand ohne Maske zu genießen. Selbst im hart getroffenen Italien war die Krise nicht so stark zu spüren wie zuhause. Allerdings war ich dort auch nicht in einem Yogastudio, sondern fast ausschließlich an der frischen Luft in ausgewiesenem Touristengebiet. Trotzdem: Die 550 km Sicherheitsabstand zur Krise „dahoam“ haben mir gut getan. Zurück in Germany verstehe ich, dass die Studios noch nicht so voll sind wie es im März der Fall war. Aber so langsam wird es besser, zumindest quantitativ. Ob es allerdings auch qualitativ wieder so wird, wie es mal war, ist fraglich. Ein vollgepackter Raum, Matte an Matte, verschwitzte Menschen, beschlagene Fensterscheiben? Mit gemeinsamem Chanten und Lachen? Ich wage es zu bezweifeln. Gestern Abend hat in meiner Klasse eine Schülern zwei Mal gehustet (sie ist Asthmatikerin). Wie lange so etwas die Stimmung in einem Yogastudio noch zum Kippen bringen kann, will ich mir gar nicht ausmalen. Und normal ist das sicher nicht. Namaste.

Fotos: Liza „ganz normal“ Meinhof