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Yoga im Alltag – Meine Spirituelle Praxis

Willkommen in der Matrix.

Corona ohne Ende. Schon beinahe seit einem Jahr sitzen wir mehr oder weniger zuhause fest. Zwölf Monate unseres Lebens verbringen wir in Isolation ohne die Freiheit, die Selbstbestimmtheit und die vertraute Nähe zu unseren Mitmenschen, die wir vorher genießen durften. Und auch wenn irgendwann ein Licht am Ende des Tunnels auftauchen wird (bei der aktuellen Impfgeschwindigkeit vermutlich 2031), hat diese Zeit uns und unseren Alltag verändert. Arbeiten? Macht man heutzutage sogar noch im rückständigsten Traditionsunternehmen im Home Office. Yoga? Findet jetzt im Online-Yogastudio statt (andere Yogaschulen gibt es ja auch bald nicht mehr). Das Leben ist online, wir sind auf dem Weg in die Matrix. Meine Frau ist diese Woche sogar auf einem digitalen Junggesellinnenabschied. WTF? Ich meine, wer hilft einem denn nach Hause, wenn man zu viel getrunken hat? Ach so, man verlässt ja erst gar nicht das Haus. Bäh.

Ich kann nicht mehr.

Ich stehe dazu: Ich finde den Lockdown und das alles so richtig scheiße. Ich brauche meine Freiheit, muss mich bewegen, auf Reisen gehen, Freunde besuchen und Skifahren. Dabei sage ich natürlich nicht, dass die Gefangenschaft nicht nötig wäre. Aber ich mag es eben nicht, eingesperrt zu sein. Klar, man hätte mit der ganzen Zeit was tolles anfangen können. Ein oder zwei Fremdsprachen lernen, endlich den einhändigen Handstand perfektionieren oder wenigstens nicht fünf Kilo zunehmen vor lauter Langweile. Und wer jetzt wieder kommt mit „was für eine tolle Chance“ das alles sei und das „Kinder nur richtig beschäftigt und gefordert werden müssen“, kann gerne aufhören weiter zu lesen. Nur weil du gerne zuhause sitzt, muss ich mich nicht nicht aufregen. Und jetzt: Atmen. Denn ehrlich gesagt, war ich im ersten Coronajahr nach Christus zeitweise (für meine Verhältnisse) relativ nahe am Verzweifeln. Und ohne meine spirituelle Praxis (und ein kleines bisschen Glück) wäre ich vielleicht auch ordentlich durchgedreht. 

Die Spirituelle Praxis – nötiger denn je.

Körperlich betrachtet war das Corona-Jahr auch ohne Infektion eine Katastrophe für mich (Details erspare ich hier mal, nur alte Leute reden ständig über ihre Wehwehchen). Um so mehr hat sich meine Yogapraxis aber noch mehr zu einem spirituellen Workout entwickelt. Aufbauend auf den „4 S“ (Sadhana, Satsang, Sattva und Seva) habe ich meine regelmäßige spirituelle Praxis mal genauer unter die Lupe genommen:

Sadhana 

ist die spirituelle Praxis im klassischen Sinne. Dazu gehört neben Asana-Übungen auch Prayanama (Atemübungen), Meditation und Kirtan (Mantra singen). Für mich persönlich war das neben relativ viel praktischen Asanas (der Online-Unterricht war körperlich recht fordernd) vor allem meine wiederentdeckte Liebe zur Meditation. Am liebsten morgens mit der körperlichen Ruhe aus dem Schlaf. Oder auch mal vor dem Schlafengehen oder einfach zwischenrein. 

Satsang. 

Das gemeinsame Praktizieren in der Gruppe. Das findet jetzt natürlich wieder im Internet statt (s.o.) Aber vor allem „zwischen den Lockdowns“ hatte die Praxis im Studio für mich die bisher beste Qualität seit ich unterrichte (was auch noch keine drei Jahre sind). Es waren schöne Momente mit beinahe schon magischen Momenten und das ist einer der Gründe, warum ich für mein kleines Yogastudio bis zuletzt hart kämpfen werde.

Sattva

ist der reine Lebensstil. Okay, daran kann ich noch arbeiten, zum Beispiel in Sachen Ernährung (Pizza und Bier!) und Reinheit der Gedanken (hoffentlich kann Bill Gates die nicht wirkich lesen). Aber ich versuche, so gut es geht, zum Beispiel auch als Geschäftsführer eines Yogastudios nach ethischen und logischen Grundsätzen zu handeln. Schließlich ist das Yoga-Business ja schon asozial genug.

Seva 

bezeichnet den uneigennützigen Dienst an anderen. Un-eigen-nützig. Ich meine, man ist ja kein Mönch und irgendwo hat jeder seine Motive für das, was er tut (Charity ist auch nicht die schlechteste Werbung). Ich versuche zumindest, in meinem persönlichen Umfeld für diejenigen da zu sein, die „jemanden brauchen“ und das sind gar nicht mal so wenige. Darüber hinaus gebe ich auch ab und an eine Charity-Klasse und helfe gerne im Kindergarten, wenn es was zu reparieren gibt. Aber auch da fühle ich mich dann weniger wie ein Mönch als wie Bob der Baumeister.

Wir sehen uns auf der Matte.

Ob meine Praxis jetzt „gut“ oder „schlecht“ ist, will ich nicht entscheiden. Am Ende ist es ja auch egal. Aber – wie gesagt – hat mir meine Praxis gut durch die letzten Monate geholfen. Auch wenn es Momente gab, an denen mir die Lust an meiner Asana-Praxis zu vergehen schien. Das lag zum einen an meinem desolaten körperlichen Zustand (wird schon wieder besser) und zum anderen an den Online-Klassen, die für Yogalehrer nicht immer die reine Freude sind. In Sachen Fitness habe ich mich dann einfach mal wieder mit anderen Dingen beschäftigt in 2020, mit dem Mountainbike zum Beispiel. Trotzdem würde mir etwas fehlen, wenn ich nur noch „Sport“ treiben würde ohne einen spirituellen Aspekt dabei. Von dem her bin ich zuversichtlich, dass ich auch noch Yoga praktizieren werde, wenn wir alle unsere Impfung haben und wir wieder ins Büro gehen, im Studio zusammen meditieren und Junggesellenabschiede mit fragwürdigen Kostümen in noch fragwürdigeren Spelunken stattfinden. Bis dahin: Do your practice and all is coming. Namaste. 

Fotos: Liza “Zellengenossin” Meinhof

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