Licht und Schatten – mein Jahresrückblick 2019

Ich habe viel gelernt.

Mal wieder sitze ich am Ende eines Jahres auf meiner Yogamatte und denke darüber nach, was ich in den vergangenen 12 Monaten alles gelernt habe. Über das meiste habe ich ja bereits geschrieben: Darüber, wie es sich anfühlt, ein Yogastudio zu gründen, zum Beispiel (wie eine Mischung aus Dauerbaustelle und Seifenoper). Oder darüber, wie man sein Leben organisiert, wenn man drei Jobs gleichzeitig hat (wie eine Mischung aus Google-Kalender und permanenter Steuererklärung). Oder aber, wie es sich anfühlt, plötzlich auf den ganzen Yogafestivals und -konferenzen präsent zu sein und auch zu unterrichten – wie in zwei Wochen wieder beim YEZ Yoga Festival in Stuttgart (wie eine Mischung aus „Heilige Scheiße“ und unendlicher Dankbarkeit). Ja, ich habe viel gelernt in diesem 2019. Und es war in Sachen Yoga ein überragendes Jahr für mich. Aber leider waren es in anderer Hinsicht zwölf eher bescheidene Monate.

Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Hier sitze ich also in meinen lustigen Leggings und sonne mich im Erfolg. Immer perfekt in Pose und immer ein freundlich-selbstbewusstes Lächeln in der Visage. Doch bei all dem Licht, dass mich umgibt, übersieht man schnell die Schatten, die es wirft. Mir ist die Existenz dieser Schatten schon seit vielen Jahren sehr bewusst, sie verfolgen mich wie ein.. na ja, wie ein Schatten eben. Eigentlich immer, wenn etwas Wunderbares in meinem Leben geschieht, geschieht gleichzeitig etwas weniger Schönes. Und das ist – findet ich zumindest – eine schöne, beinahe schon yogische Metapher für das ganze Leben: Kein Hell ohne Dunkel, kein Tag ohne Nacht, kein Yin ohne Yang. Dafür muss es nicht mal einen direkten Zusammenhang geben. Niemand musste erst sein Yogastudio irgendwo schließen, damit ich eines eröffnen kann. Ich nehme wahrscheinlich auch keinem seinen Job weg und auf den Yogafestivals musste ich auch niemanden von der Matte mobben, um an einen der begehrten Spots zu kommen. Trotzdem: Wenn mein Lichtlein ein bisschen heller scheint als sonst, wird ein anderes häufig etwas dunkler. Und das Universum weiß genau, wie es Typen wie mich nahe am Boden halten kann. In 2019 hat es mich zum Beispiel mit Todesfällen in meinem Umfeld etwas überversorgt.

Zwei Hochzeiten und zwei Todesfälle.

Ich hasse den Tod. Auch wenn ich mich Jahr für Jahr besser darauf vorbereitet fühle, fürchte ich mich vor dem Sterben. Na ja, wahrscheinlich fürchte ich nur, hier auf der Erde etwas zu verpassen. Aber das geht leider miteinander einher. Und dementsprechend furchtbar waren die beiden Beerdigungen, denen ich in diesem Jahr beiwohnen musste. Innerhalb weniger Wochen habe ich mich von zwei geliebten Menschen verabschiedet. Und beide Male hätte ich gerne darauf verzichtet und den Verstorbenen noch ein, zwei oder drei Jahrzehnte mehr unter den Lebenden gegönnt. Der Tod kommt, wenn er kommt. Und er wählt den Zeitpunkt dafür nach Kriterien, die für uns wenig mit Logik oder Gerechtigkeit zu tun haben. Für ihn gibt es kein „zu früh“ oder „warum ich?“. Und auch wenn wir wissen, dass unsere Zeit hier begrenzt ist, sind wir jedes eigentlich Mal überrascht, wenn einer aus unserer Mitte uns verlässt. In den beiden Fällen, um die es bei mir geht, war die Überraschung leider nicht besonders groß.

Wir haben viel gelebt.

Beiden Verstorbenen war mehr oder weniger lange klar, dass ihre Zeit bald gekommen sein würde. Und beide sind so bewundernswert damit umgegangen. Sie kannten einander nicht wirklich und haben dennoch einen ähnlichen Weg gewählt. Dinge erlebt, Reisen gemacht und sich Zeit genommen für ihre Freunde und die Familie. Nicht, obwohl Zeit genau das war, was sie nicht hatten. Sondern genau deshalb. Wie gesagt, ich fürchte den Tod (und ein Stück weit sollten wir das alle tun). Aber noch mehr fürchte ich ein Leben, ohne gelebt zu haben. Und was das betrifft, habe ich in diesem Jahr von zwei Sterbenden am meisten gelernt. Ihr fehlt mir beide, aber nicht zuletzt durch die Art, wie ihr von uns gegangen seid, werdet ihr immer ein Stück bei uns bleiben. 

Mach das Licht an.

Ich habe viel gelernt in diesem Jahr. Und es hat sich auch einiges verändert. Licht und Schatten sind untrennbar miteinander verbunden. Bisher habe ich den Schatten akzeptiert, um den hellen Schein zu genießen. Aber es braucht wohl auch ein wenig Dunkel, um das Helle vollständig zu erkennen. Es ist da draußen, es scheint irgendwo für uns, dieses Licht. Wenn wir richtig hinsehen, können wir es auch in tiefster Dunkelheit erkennen. Und vielleicht sogar denen helfen, die gerade keine Augen dafür haben. Trotzdem wünsche ich mir für 2020 etwas weniger Friedhof und lieber ein bisschen Strand und Tanzfläche. Und dir wünsche ich das natürlich auch: Friede, Liebe, Rock’n’Roll. Namaste. 

Fotos: Liza Meinhof

Ein Gedanke zu „Licht und Schatten – mein Jahresrückblick 2019

  1. Hey sehr schön geschrieben! Und so wahr! Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Liebe Grüße aus Karlsruhe 🙂

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