Das Yogawort zum Sonntag – der Song meines Lebens

Sag doch mal.

Ich liebe Musik. Rockmusik. Schon in der Grundschule hörte ich Bands wie Iron Maiden (durch die Kinderzimmertür meines älteren Bruders) oder die Rolling Stones (durch die Wohnzimmertür meines Vaters). Und seitdem hat sich an meinem Musikgeschmack relativ wenig geändert. Wer schon mal in einer meiner Yogaklassen war, weiß, wie ich musikalisch ticke. Und auch zuhause gibt es bei uns immer viel Musik. Von der Platte oder auch mal selbst gemacht (manchmal schläft meine Tochter dabei ein). Letzte Woche hat meine Frau mich gefragt, was eigentlich der „Song meines Lebens“ sei. Es war einfach für mich, darauf zu antworten, weil ich mir dazu schon sehr oft Gedanken gemacht habe: Der Song meines Lebens ist You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones.

Die Weisheit des 15-jährigen.

Dieser Song ist meiner Meinung nach wirklich in vielerlei Hinsicht perfekt: Die Dynamik grenzt ans Epische, vom Intro des London Bach Choir Chor steigert sie sich ganz sanft über eine wunderbar einfach gespielte Westerngitarre, bis nach und nach der Gesang und die weiteren Instrumente einsetzen. Später dann noch die Backgroundsängerinnen (von denen jede vor und nach diesem Song eine eigene internationale Musikkarriere hatte), Piano, Orgel, kurzes Gitarrensolo, dann wieder der Knabenchor. Gänsehaut pur. Was den Titel aber zum Lied meines Lebens macht, ist der Text: Du kann nicht immer das bekommen, was du willst. Aber wenn du ganz genau hinschaust, bekommst du meistens genau das, was du brauchst. Wären diese Zeilen in Sanskrit verfasst, wir würden sie in jeder guten Yogaklasse als Mantra hören. Als 15-jähriger hatte ich für derlei Tiefgang natürlich keinen Sinn, aber irgendetwas hatte mein Unterbewusstsein damals wohl doch kapiert. Man weiß ja nicht immer gleich, dass man Yogi ist.

Nachts auf der Autobahn.

Als ehemaliger gefühlter Rockstar, Sänger und Gitarrist schreibe ich auch meine eigenen Songs. Und was das betrifft, habe ich von keinem Titel so viel gelernt wie von You Can’t Always Get. Das große Aha-Erlebnis in diesem Zusammenhang hatte ich am 23. November 1992 im Auto meines Vaters. Ich war mit ihm nachts auf dem Rückweg vom Konzert des Ex-Stones-Gitarristen Mick Taylor in Frankfurt und wir hörten das Album Let It Bleed der Rolling Stones im Autoradio. Es war dunkel, wir waren müde und fegten über die leere Autobahn. Nach ca. 40 Minuten dann das letzte Stück der Platte: You Can’t Always Get What You Want. Ich hatte den Titel schon damals wahrscheinlich 1.000 Mal gehört, aber in dieser besonderen Situation gingen mir plötzlich 1.000 akustische Lichter gleichzeitig auf. Ich konnte jedes Instrument, jede Stimme dieser wundervollen 7:28 Minuten Poprock einzeln identifizieren. Und war massiv geflasht von den Percussion-Instrumenten, vor allem von den Congas. Das Getrommel des in Ghana geborenen Rocky Dzdzornu (er hat außerdem noch die Maracas für den Track eingespielt) vollendet den charakteristischen Groove dieses Stücks einfach. Wahnsinn, bis dahin war mir das nie aufgefallen. Der gute Rocky ist leider schon lange tot und ich weiß nicht, ob Mick und Keith noch oft an ihn denken. Aber das sollten sie, denn sein Percussion-Spiel ist es, was You Can’t Always Get What You Want die letzte Magie einhaucht. Und ganz nebenbei war dieser Rhythmuszauberer unter anderem noch für die Percussions bei „Sympathy for the Devil“ verantwortlich. Ein Song, der es ohne seine Arbeit wahrscheinlich nicht mal auf ein Album geschafft hätte.

Alles nur geklaut.

Böse (Stones-)Zungen behaupten ja, You Can’t Always Get What You Want wäre im Prinzip nur eine Kopie des Beatles-Stückes Hey Jude. Und damit liegen sie wahrscheinlich gar nicht mal so weit daneben. Hey Jude erschien knapp drei Monate vor den Aufnahmen der Stones und es lassen sich doch sehr viele Parallelen zwischen den Songs finden. Aber es ist okay und es war auch nicht das letzte Mal, das jemand sich an „Hey Jude“ bediente, um einen Hit zu landen. Die finnischen 80er-Rocker Hanoi Rocks machten daraus ihre Ballade Million Miles Away. Und auch wenn außer mir wohl fast niemand die Hanoi Rocks kennt: Sie sind der offizielle Haupteinfluss von Axl Rose, der auf Basis von Million Miles Away den Guns’n’Roses-Hit November Rain verfasste – das Maximum an musikalischer Romantik für uns 90er-Jahre-Hardrocker. Wie sagt man auch im Yoga-Business so schön? Lieber gut geklaut als schlecht selbst gemacht, hehe. Deshalb könnte man auch Stairway to Heaven von Led Zeppelin oder den Eagles-Klassiker Hotel California und wahrscheinlich noch viele andere mit Hey Jude bzw. You Can’t Always Get in Verbindung bringen. Dadadada!

It’s only Rock’n’Roll

Vielleicht habe ich mich seit dem nächtlichen Autobahnerlebnis etwas sehr in den Song reingesteigert und vielleicht muss man sich nicht unbedingt auf einen „Song seines Lebens“ festlegen. Aber ich bin eben ein Typ, der sich gerne reinsteigert und festlegt. Vielleicht geht es dir ja genauso und du weißt auch, welcher Song im Soundtrack deines Lebens die Hauptrolle spielt. Falls das nicht der Fall ist: Nimm dir doch einfach mal die Zeit und überlege, vielleicht überraschst du dich am Ende selbst. Ich hatte sogar schon mal das Glück, meinen Lebenssong in der Klasse eines anderen Yogalehrers zu hören – was mich die ganze schweißtreibende Klasse lang grenzdebil durchgrinsen ließ. Und falls du mich demnächst mal im Unterricht besuchst, wirst du sicher auch in den Genuss kommen: You Can’t Always Get What You Want wird nächste Woche 50 Jahre alt, am 16. und 17. November 1968 nahmen die Stones das Ding im Studio auf. Als Geburtstagsgeschenk gibt es von mir die Tage eine nette kleine Yoga-Playlist rund um den Song meines Lebens. You get what you need. Namaste.

Fotos: Liza „Warum habe ich nur gefragt?!?“ Meinhof