Das Yogawort zum Sonntag – Authentizität

Er spricht in fremden Zungen!

Eine meiner Superkräfte ist die Fähigkeit, Stimmen und Dialekte zu imitieren. Das kommt besonders gut, wenn man zum Beispiel regelmäßig seinen Kindern vorliest. Ich kann Badisch, Schwäbisch, ein bisschen Pfälzisch, Fantasie-Bairisch und -Österreichisch und das, was ich selbst als Sächsisch definiert habe. Dazu beherrsche ich es halbwegs, all diese Dialekte mit leichter bis mittelschwerer Färbung durch Französisch, Spanisch, Italienisch, Englisch oder Russisch zu sprechen. (An guten Tagen kann ich sogar ein bisschen Hochdeutsch.) Alle meine sorgsam angeeigneten Dialekte und Akzente kann ich in stimmlichen Varianten von sonor-tief bis quietschig-hoch, von glockenklar bis Whisky-geschwängert. Kurzum: Ich halte mich eigentlich für nicht weniger als ein wandelndes Hörspiel. Was meinen Sohn leider überhaupt nicht beeindruckt. Denn wenn ich seine Literatur nicht ausschließlich mit meiner nullachtfünfzehnnormalen Stimme in meinem nullachtfünfzehnpseudohochdeutsch rezitiere, wird er sauer und bittet mich um Disziplin. Er findet das einfach nicht komisch, wenn der Wolf klingt, als wäre er direkt aus einer mittelsächsischen Fernfahrerkneipe geschwankt um die sieben luderhaften Schwabengeislein zu verputzen. Überhaupt nicht komisch.

Ich kann es nicht mehr hören!

Unabhängig davon, dass ich meinem dreijährigen Sohn schon jetzt ein bisschen peinlich bin, gibt es auch Dinge, die mir selbst unangenehm sind. Wenn zum Beispiel bei der Arbeit in der Werbeagentur jemand etwas Halbgares zum Thema „Authentizität“ vor sich hin sabbelt. Obwohl es ausnahmsweise mal kein Anglizismus ist, geht mir dieses Marketing-Buzzword langsam auf den Zeiger. Seit fünf Jahren will jeder, der einen Fruchtjoghurt oder ein Luxus-Cabriolet herstellt, auf einmal authentisch rüberkommen. So verkauft man doch keine Träume! Ich finde, Marken und Produkte müssen nicht unbedingt authentisch sein. Ich verehre mein Smartphone oder meinen Schummeldiesel gerne als etwas Überhöhtes, etwas Unnahbares. So viel Guru muss man dem Marketing dann doch bitte lassen. Und wenn eine Firma so viel Geld hat, dass sie eine große Agentur für die Markenpflege beauftragt, kann sie meiner Meinung nach gar nicht authentisch rüberkommen – das ist dann eher etwas für den Dorfbäcker oder jemanden, der mundgeblasene Nonisaftgläser aus seinem Fahrradanhänger heraus verkauft.

Wer definiert eigentlich was authentisch ist?

In meiner Ausbildung zum Yogalehrer habe ich auch schon gelernt, wie wichtig ein authentischer Auftritt ist. Aber wie genau bin ich denn authentisch? Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, habe ich mir mit meinem besten Freund mal überlegt, welches Lachen bei den Mädels besonders gut ankäme. Wir haben dann relativ viel Zeit damit verbracht, möglichst cool/sympathisch/männlich zu lachen (es war so lächerlich und ja: es war Alkohol im Spiel). Was ich daraus aber gelernt habe ist: Es unheimlich schwierig, auf Kommando „ganz normal“ zu sein. Das gilt dann auch für meine Stimme oder meine Aussprache. Ist die Art, wie ich rede überhaupt meine eigene oder ist sie durch die ganzen Wohnortwechsel und die Menschen um mich herum schon total verzerrt? Und ist das überhaupt wichtig? Denn am Ende bin ich ja schon dann authentisch, wenn mir jemand anderes meinen äußeren Auftritt (inkl. meiner lässigen Lache) abnimmt.

Das ist so 2016.

Okay, ich habe die Diskussion über Authentizität nicht erfunden. Aber wie es der Zufall will, ist es mir in diesem Jahr endlich mal gelungen, meinen Never-ending-guten-Vorsatz wahr werden zu lassen und mehr Zeit für schöne Dinge als für schön viel Arbeit zu haben. Und weil ich auch schon nicht mehr rauche, vergleichsweise wenig Alkohol trinke, brav mein Gemüse esse und ab und zu sogar jemandem (ob er will oder nicht) über die Straße helfe, brauche ich einen neuen Vorsatz für 2018. Denn obwohl gute Vorsätze so etwas wie das Arschgeweih unter den Neujahrsgedanken sind (alle sind irgendwie gleich und nach einiger Zeit will man nicht mehr auf sie angesprochen werden), finde ich den Zeitpunkt ganz gut, um Veränderung zu leben. Endlich hatte man mal ein paar Tage Zeit zum Reflektieren und sieht für einen Moment klar, wo man sonst nur durch das Leben hetzt. Und ich möchte im neuen Jahr noch mehr ich selbst sein, also irgendwie noch authentischer.

Kein zielloses Durch-die-gegend-Meditieren mehr.

Meine Frau hatte Zweifel, als ich ihr von meinem Plan berichtete. Sie hält mich für sehr authentisch und sie kennt mich wohl besser als ich es tue. Aber jetzt, wo ich regelmäßig meditiere, finde ich immer neue Dinge an mir, die ich irgendwie verstecke. Keine wirklich großen Lügen (Geschlechtsumwandlung, Serienmorde, Briefmarkenalbum), mit denen ich lebe, eher Kleinigkeiten. Und je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich mich zu verbiegen und nicht voll und ganz ich selbst zu sein. Und wann, wenn nicht jetzt, wäre der perfekte Zeitpunkt, um damit aufzuhören? Ich habe meinen Job hingeschmissen, lerne gerade einen neuen Beruf und bin in meiner neuen Stadt nach einem Jahr eigentlich immer noch am Ankommen. Und genau so bin ich in meiner Persönlichkeit noch am Ankommen – nach mehr als 40 Jahren. Also jetzt oder nie. Denn wer mich persönlich kennt, mag mich sicher für halbwegs authentisch halten. Damit ich das aber selbst von mir behaupten kann, muss ich mich erst mal selbst richtig kennenlernen. Und das will ich tun, das ist mein guter Vorsatz für 2018. Namaste. Und einen guten Rutsch.

PS: Die wunderbare Madhavi von Kaerlighed bietet mit Stay True – wie du deine Wahrheit lebst ein Online-Mentoring-Programm an. Wenn du auch gerade auf dem Weg zu dir selbst bist, ist das für dich vielleicht interessant.

Fotos: Liza „Hobbytherapeutin“ Meinhof

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