Mein erstes Mal – Shitstorm im Yogablog

Jetzt wird’s persönlich.

Manche Yogis sind schwul, manche Yoginis sind lesbisch. Und wieder andere sind hetero, bi oder sich unsicher, was sie überhaupt sind. Am Ende des Tages treffen wir Yoga-Übenden uns auf der Matte und verbringen eine wunderbare Zeit miteinander, und sind einfach glücklich. Wer von den anderen lesbisch oder schwul ist, weiß ich in den meisten Fällen nicht. Und ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie mit jemandem Differenzen, weil ich mit seiner sexuellen Orientierung nicht einverstanden bin. Leute, ganz ehrlich: Ich habe andere Sorgen. Und dennoch gab es letzte Woche auf Facebook ein kleines Shitstörmchen bezüglich Yoga und Schwulsein. Und dieser Sturm pustete leider direkt in mein Gesicht.

WTF?

Eine andere Bloggerin bat mich letzte Woche um ein Interview für ihren Blog. Ich habe sowas schon ein paar Mal getan und ich mache es gerne: Die Kollegin hat einen schönen Beitrag im Feed und ich etwas Publicity für mein eigenes Ding. Eine Frage in besagtem Interview lautete: „Denkst du, dass viele Männer glauben, dass Yoga schwul ist?“ Und natürlich weiß ich, dass Yoga schwul ist, denn Yoga ist für alle. Also sollte meine eigentliche Antwort lauten: „Ja.“ Geschrieben habe ich aber noch mehr, in erster Linie, um dem Interview etwas mehr Inhalt (als „Ja“) zu geben. Und um ignorante Menschen, die etwas gegen Schwule und Frauen haben (und darauf zielte die Frage meiner Meinung nach ab), vielleicht doch wenigstens ein bißchen zum Nachdenken zu animieren. Diesen Teil hätte ich mich mir zwar sparen können, ich wollte aber ein Statement machen und habe deshalb etwas schwadroniert und mich offensichtlich nicht deutlich genug ausgedrückt. Hier noch einmal für alle, die mich missverstanden haben, meine ehrliche Antwort auf die Frage, ob Yoga schwul ist, lautet: Ja, ist es. Und hetero und bi und lesbisch und alles andere auch. Yoga. Ist. Für. Uns. Alle.

Woher wehte der Wind?

Die liebe Kollegin (die übrigens einen tollen Blog hat, auf dem ich keinerlei Anzeichen von Homophobie erkennen konnte) hat mein fertiges Interview auf Facebook geteilt. Leider zusammen mit einem denkbar ungünstig gekürzten Zitat und einer Überschrift, die ich so niemals über das Interview gepackt hätte. Und leider ohne, dass ich das vorher noch mal gesehen hatte. Als ich den Beitrag selbst auf Facebook teilte, wurde mir bewusst, dass das in dieser Kombination zu Irritationen führen könnte. Also habe ich den Link zum Blogpost zusammen mit dem komplettierten Zitat veröffentlicht und einem Hinweis, dass was da steht, nicht so richtig richtig ist. Um auf Nummer sicher zu gehen (das hier ist immer noch das Internet!) habe ich den Share nach wenigen Minuten bei mir doch gelöscht und die Autorin gebeten, die Überschrift zu ändern. Zusätzlich habe ich ein Statement auf Facebook veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass es Abstimmungsschwierigkeiten gab und ich niemals behaupten würde, was man da zwischen den wenigen Zeilen lesen könnte.

Und das Internet?

Das Internet hat getan, was es am besten kann. Und zwar ziemlich schnell:

  1. Es wurde relativ schnell gedisst, nicht nur auf meiner eigenen Facebook-Seite, sondern auch in den Gruppen, in denen der Beitrag geshared wurde.
  1. Es wurde kommentiert, ohne das Interview gelesen zu haben. Das ist zwar nur eine Vermutung von mir, erklärt aber Frequenz, Tonalität und Interpunktion (!!!) der Kommentare.
  1. Es ging bald nicht mehr um das ursprüngliche Problem (das war der Moment, in dem ich kurz Angst bekam). Die Sache mit den schwulen Yogis war eigentlich schon erledigt, aber dann wurde das nächste Thema beackert.
  1. Ich habe keine Ahnung, wer wo wann was dazu geschrieben hat. Es gab nur eine einzige Reaktion von einem mir persönlich Bekannten, der Rest von Menschen, die mich gar nicht kennen.
  1. Mich persönlich hat kein einziger negativer Kommentar von einem Mann erreicht.

Okay, was habe ich gelernt?

Einiges. Obwohl wir Yogis in unserer Peace-Love-and-Harmony-Wolke leben, existiert offenbar ordentlich Potenzial für verbale Aggression. Auch wenn es relativ schnell vorbei war, hatte ich einen beschissenen Tag wegen der Sache und mich wirklich, wirklich schlecht gefühlt. Ich habe mich nun schon mehrfach zu dem Thema geäußert und werde mich nicht noch einmal rechtfertigen (auch wenn es vielleicht besser wäre). Fakt ist: In unserer Yoga-Community geht es immer und in erster Linie um Respekt vor anderen und sich selbst. Und ich bin stolz darauf, Teil dieser wunderbaren Gruppe von Menschen zu sein, in der es so wenig Missgunst gibt und in der so viel Nächstenliebe gezeigt wird. Aber als Yogi muss ich nicht allen von meiner Toleranz erzählen, sondern sie jeden Tag leben. Und daran arbeiten wir alle jeden Tag. Meine wichtigste Konsequenz: Ich werde weiterhin den lieben Blogger-Kolleginnen und -Kollegen Interviews geben und mir von ein paar Ausrufezeichen in einem Sozialen Netzwerk nicht die Freude an dem, was ich mache, nehmen lassen. Namaste.

PS: Für alle, die mich auch mal auf Facebook beleidigen wollen, als Inspiration noch ein paar Yoga-Vorurteile.

5 Gedanken zu „Mein erstes Mal – Shitstorm im Yogablog&8220;

  1. Hast du schön geschrieben. Sowas passiert leider sehr schnell, aber lass dich nicht fertig machen. Wer deinen Blog auch wirklich liest, „kennt“ dich. Mach weiter so!

  2. Hallo Thomas,
    für mich ist Yoga noch recht neu und ich schätze es sehr, dass es inzwischen auf dem Gebiet auch vieles von Männern/für Männer gibt.
    Dein Blog verfolge ich regelmäßig. Mir gefällt die Aufmachung und was du so schreibst.
    Ich fand auch an deinen Aussagen im Interview mit der Bloggerin nichts Verwerfliches. Vielmehr frage ich mich, warum man überhaupt Yoga und die sexuelle Orientierung in einen Kontext setzen muss. Ich mache Yoga für meinen Rücken und für das Wohlbefinden. Die sexuelle Orientierung ist dabei ungefähr so relevant wie die Frage, ob ich Rechts- oder Linkshänder bin. Aber für die Frage kannst du natürlich nichts.

    Ansonsten weiter so mit Themen rund ums Yoga und speziell „Männer-Yoga“. 🙂

    Viele Grüße aus dem Norden
    Marco

  3. Ist halt schwierig, auf eine so stereotypisierende Frage zu antworten. Hätte sie gefragt „Was antwortest du Menschen, die sagen, Yoga sei…“, dann wäre es leichter für dich gewesen. Alte Interviewer-Weisheit.

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