Yogadude Patrick Broome Interview

Yogadude im Interview – Patrick Broome

Der Lümmel aus der letzten Reihe.

Es ist kein großes Geheimnis: In der Schule war ich ab Einsetzen der Pubertät (und wahrscheinlich schon vorher) eine Katastrophe: Ab dem 13. Lebensjahr lag der Fokus klar auf Gitarre spielen und Mädchen beeindrucken – für Mathe, Latein und Sachkunde war da leider nur noch wenig Zeit. Wie ein roter Faden zieht sich seitdem auch mein Problem mit Autoritäten durch mein Leben. Oder haben die nur ein Problem mit mir? Ich habe es wirklich geschafft, den Notenspiegel in Betragen und Mitarbeit signifikant zu senken, in den anderen Fächern war ich immer gerade so gut, dass ich keine Klassenstufe wiederholen und den Laden bald verlassen konnte. Letzteres passierte dann sogar früher als erhofft, als man mich im laufenden elften Schuljahr der Schule verwies und ich mir eine neue Bleibe suchen musste. Den Abschluss nach der 13. Klasse habe ich dann trotzdem irgendwie geschafft – um dann zu merken, dass es mit dem Medizinstudium wahrscheinlich so schnell nichts wird.

Klare Ansage von zuhause.

Meine Eltern wollten (im Nachhinein: zum Glück), dass ich das Abitur mache – zu welchen Bedingungen das geschehen soll, haben sie leider nicht näher definiert. Interessanterweise hat mein Vater damals im O-Ton gesagt „Hauptsache du machst Abi, danach kannst du von mir aus zum Guru gehen.“ Und jetzt, (gar nicht mal so) viele Jahre danach, tritt dieser Fall endlich ein, liebe Eltern. Allerdings ist mein weiser Lehrer gar kein richtiger Guru, zumindest will er auf keinen Fall so genannt oder gar behandelt werden. Seit letzen Monat bin ich in der Ausbildung zum Yogalehrer bei der Patrick Broome Yoga Akademie hier in München. Patrick Broome ist weniger als Doktor bekannt (auch auf diesen Titel legt er wohl nicht sooo viel Wert) , sondern den meisten als Yoga-Coach der Deutschen Fußballnationalmannschaft („Jogis Yogi“). Darüber hinaus hat er Jivamukti Yoga nach Europa geholt, einiges an Yogaliteratur verfasst und er betreibt in München mittlerweile drei Yogastudios und seine eigene Yoga-Akademie. Und genau da drücke ich jetzt wieder die Schulbank (eigentlich sitzt man den ganzen Tag auf dem Boden) und lerne von Patrick und seinem Team, was ich als Yogalehrer wissen und können muss. Nach dem ersten Unterrichtswochenende habe ich Patrick für ein Interview getroffen und die Chance genutzt, ihn zur Ausbildung zu löchern:

Hallo Patrick, meine Mitschüler und ich sind das, was man wohl am ehesten als „bunten Haufen“ bezeichnen kann. Wer sollte deiner Meinung nach eine Yogalehrerausbildung machen? Was waren die Auswahlkriterien der Akademie?

Eigentlich waren es ganz sanfte Kriterien. Es gibt bei uns den Wunsch, dass der Schüler zwei Jahre lang Yogapraxis hat, aber auch das ist eigentlich keine Pflicht. Und wer bin ich, zu entscheiden, wer reif für eine Yogalehrerausbildung ist und wer nicht? Ihr kriegt von uns ein Handwerkszeug, mit dem jeder, der da rausgeht nach dem erfolgreichen Abschluss, eine solide Mittelstufen-Klasse unterrichten kann. Vor Fortgeschrittene würde ich mich eher nicht hinstellen, wenn ich weniger Praxis habe als meine Schüler – das empfehle ich nicht. Aber was wir vermitteln wollen, kann jeder lernen, der Yoga-Grundkenntnisse hat. Und manchmal sind es sogar die, die noch gar nicht so viel Yoga gemacht haben, die mit der Ausbildung voll einsteigen und danach auf einmal viel stärker sind als die, die vorher schon zehn Jahre Yoga praktiziert haben. Die vielleicht was ganz Anderes geübt haben, als sie es bei uns lernen und deswegen erst mal was vermischen oder irritiert sind. Und reif fühlst du dich nie für eine Yogalehrerausbildung. Du kannst dich auch nicht wirklich darauf vorbereiten. Als ich zum Beispiel noch die Jivamukti-Ausbildungen gemacht habe, saßen die Schüler da jeden Tag zehn Stunden in Vorlesungen. Die haben alle vorher ihren Rücken gestärkt, damit sie da gut durchsitzen können, aber nach drei Tagen tut einfach alles weh, egal wie gut du dich vorbereitest, das gehört eben dazu.

 

„Reif fühlst du dich nie für eine Yogalehrerausbildung. Du kannst dich auch nicht wirklich darauf vorbereiten.“

 

Jivamukti ist ein gutes Stichwort. Ich habe ja bis ich vor einem Jahr nach München kam eigentlich ausschließlich Jivamukti Yoga praktiziert. Was ist der Unterschied zwischen meiner Ausbildung bei dir und dem Jivamukti Teacher Training?

Natürlich bin ich geprägt dadurch, dass ich einige Jivamukti-Ausbildungen selbst unterrichtet habe. Und das, was meiner Meinung nach davon gut ist, nehme ich auch mit in meinen Unterricht. Was fehlt, ist der moralische Zeigefinger, den wird es bei uns nicht geben. Was fehlt, ist das Guru-System, das haben wir auch nicht – ihr müsst euch nicht verbeugen, wenn ich den Raum betrete. Was sehr gut ist an der Jivamukti Ausbildung, ist, dass sie in sich rund ist, ein starkes Konzept. Und dass man es innerhalb von vier Wochen intensiv durchlebt. Du behältst vielleicht nicht ganz so viel davon, weil du nicht so viel nacharbeiten kannst – bei uns hast du ja Zeit, alles noch mal durchzulesen. Aber es transformiert mehr, weil die persönliche Erfahrung natürlich viel intensiver ist. Ganz klar. Aber es geht mir auch nicht so sehr darum, die Menschen zu transformieren und zu verändern. Das geschieht mit jedem in seiner Zeit und zu seinem Zeitpunkt. Und ich mag keinen Schülern Videos zeigen, in denen Tiere gequält und geschlachtet werden. Das mussten wir bei Jivamukti und uns allen war schlecht, wir alle mochten es nicht gerne. Das bringt in dir emotional noch mal eine ganz andere Power, für diese gequälten Kreaturen einzutreten und da was zu machen. Aber: Es hat sich für mich einfach nicht gut angefühlt.

Ich habe mir vom ersten Ausbildungswochenende gemerkt, dass der Lehrer wissen muss, wo er hin will mit den Schülern. Was macht einen guten Yogalehrer sonst noch aus?

Du musst ein Konzept haben für deine Klasse. Außer du hast irgendwann so viele Konzepte in deinem Kopf, dass du spürst, mit welchen Konzept du startest und mit welchem Konzept du endest. Das kann zwar überraschen, aber es ist immer noch eine Struktur dahinter. Mark Whitwell hat das ganz klar gesagt: Ein guter Yogalehrer ist wie ein guter Freund. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jemand, der einen Weg schon mal gegangen ist und auf diesen Weg jetzt andere mitnimmt und sie auf diesem Weg unterstützt. Du bist nicht wichtiger als die Schüler und sie sollten dir deshalb auch nicht weniger wichtig sein. Sharon Gannon hat immer gesagt, man soll die Schüler als heilige Wesen sehen, denen man dient. Also es geht darum, ein Menschenfreund zu sein, eine eigene Praxis zu haben und eine Lineage zu haben, von der du Konzepte bekommen hast. Das sind so die drei Faktoren.

Ich selbst bin – unter anderem wegen der Ausbildung – schon den ganzen Monat am detoxen und trinke keinen Alkohol. Darf ich als Yogi überhaupt Wein oder Bier trinken?

Ja, du darfst alles. Yoga ist nicht moralisch, auch wenn viele versuchen eine moralische Philosophie da rein zu bauen. Yoga ist eine ganz klare Ansage: Mach diese Praxis und dann werden sich bestimmte Dinge von alleine entwickeln. Und dann ist es nicht mehr Moral, sondern eine persönliche Ethik nach der du lebst. Und wenn es für dich in Ordnung ist, Wein zu trinken, trinkst du Wein. Viele Zen-Lehrer machen, wenn ein Schüler beim Meditieren nicht weiterkommt, eine Session, bei der du so lange Rotwein trinkst, bis dir nichts mehr wehtut. Um dich an die Erfahrung zu führen, dass du so lange sitzen kannst mit ihnen. Zen ist zum Beispiel komplett offen, es ist Leere. Die streben nicht an, ein besserer Mensch zu sein, die streben an, leer zu sein. Und das Konzept hat mich immer mehr angesprochen als das Verbiegen von Schriften wie von Patanjali dahingehend, dass man eine Moral daraus macht. Ich denke, ich habe schon immer einen recht hohen ethischen Anspruch gehabt, der hat sich durchs Yoga vielleicht auch noch verstärkt. Aber eine Zeit lang hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine Pizza mit Käse gegessen habe. Und da habe ich gedacht: Das kann es nicht sein. Und deswegen habe ich mich davon auch wieder freigemacht. Man kann so sein, dass man vegan lebt und ohne Alkohol etc. – aber man sollte es nicht von allen anderen verlangen.

 

„Yoga ist nicht moralisch, auch wenn viele versuchen eine moralische Philosophie da rein zu bauen.“

 

Ich denke, man erreicht irgendwann auch keine Menschen mehr, wenn man nur noch unter strengen Auflagen willkommen ist.

Es schränkt natürlich ein. Und das ist genau, was ich mit dem Konzept „Yoga für alle“, das ich ja auch nicht erfunden habe, erreichen will. Mark Whitwell hat „Yoga for everybody“ entwickelt, aber er meint wirklich every body: „jeden Körper“. Und ich meine jeden Menschen, Yoga für alle. Deswegen möchte ich die Hemmschwelle so niedrig wie möglich halten. Und wenn ich in jeder Fortgeschrittenen-Klasse erst mal eine halbe Stunde eine Predigt halte, sitzen das einige durch. Aber die meisten werden sich fragen, warum wir überhaupt diesen Weg so gehen müssen.

Diese Frage stelle ich mir auch, wenn es um reine Männeryoga-Klassen geht. Das erinnert mich irgendwie an Informatikunterricht für Mädchen. Wie stehst du dazu?

Ich denke, wir müssen mit den Männern jetzt langsam aufpassen. Die sind viel weiter als wir manchmal glauben. Es braucht keine Anfänger-Männerkurse mehr oder sowas. Die meisten haben schon relativ weit reingeschnuppert ins Yoga. Letzten Sonntag waren 20 Männer in meiner Klasse. 20! Das war das erste Mal, das alle Schränke bei den Männern voll waren, also habe ich mal kurz gezählt. Du siehst, die Männer kommen und die sollen natürlich bei den gemischten Klassen mitmachen. Ich denke: Gute Lehrer sollten viele Leute erreichen. Und dafür ist das Studio meine Plattform.

Was das betrifft, ziehen wir ja am selben Strang, du in deinen Klassen und ich in meinem Blog und in Social Media. Aber besonders auf Facebook (!) gibt es in letzter Zeit immer mehr die Diskussion, ob das Asana-Gepose auf Instagram die reine Zurschaustellung gestählter Körper ist oder noch irgendwas mit Yoga zu tun hat. Was ist deine Meinung zu Yoga und Instagram?

Instagram ist erst mal eine gute Plattform. Aber es gibt da zwei Strömungen: Es gibt die, die die heile super Power Yogawelt verkörpern, wo alles nur schön und perfekt ist – mit dem zehnten Handstand auf einem Arm und so. Und dann gibt es noch die, die relativ authentisch auf Instagram unterwegs sind. (Die bekannte Ashtanga-Lehrerin) Kino McGregor zum Beispiel wird immer vorgeworfen, sie würde auf Instagram „Yoga Porn“ zeigen. Dabei hat sie immer schon sehr ansprechende Bilder – sie ist eine schöne Frau mit einer Wahnsinns-Praxis – mit tiefen Inhalten kombiniert. Was ich aber in der Plastik-Amerika-Yoga-Welt oft sehe, sind nur perfekte Bilder mit ausschließlich positiven Botschaften. Als ob man beim Yoga nicht auch an seine ganze Scheiße rankommt und sich mit der auseinandersetzen muss. Das ist da einfach kein Thema. Und bei vielen weiß man nicht so genau, ob sie den Yoga über den körperlichen Aspekt hinaus betreiben. Es sind dann eben die schönen, beweglichen Mädels, die Millionen Likes bekommen – und da weiß ich, wer sich das anschaut und das sind nicht die Yogis (lacht). Aber am Ende muss jeder selbst wissen, wie er das nutzt. Ich selbst nutze Instagram fast gar nicht für Werbung. Ich will eher irritieren oder zum Nachdenken anregen oder Mut machen. Und ab und zu habe ich das Gefühl, ich muss mal etwas teilen, was ich gerade erlebe, weil es scheinbar ein paar Leute gibt, die das interessiert und die sollen dann eben auch ihr Futter bekommen.

Haha, zu diesen Leuten gehöre ich dann wohl auch. Ich danke dir an dieser Stelle auf jeden Fall für mein „Futter“ und das angenehme Gespräch. Und ich freue mich auf die nächsten Monate Teacher Training.

Ich mich auch, vielen Dank.

 

Alle Informationen zu den Patrick Broome Yoga Studios und den Ausbildungen und Workshops von und mit Patrick gibt es auf seiner Website.

Fotos: Felix Krammer Fotografie

3 Gedanken zu „Yogadude im Interview – Patrick Broome&8220;

  1. Toll!

    Ich habe auch Jivamukti praktiziert und habe bis heute sehr viel Liebe für diese Methode, da sie die Welt des Yoga für mich “geöffnet“ hat. Allerdings finde ich zu viel Strenge auch schwierig und erkenne nun, wie erst Commitment in der Yogapraxis dich wirklich erkennen lässt. Man fängt an wirklich zu verstehen anstatt nachzuahmen.

    Danke, für dieses schöne Interview,

    Jasmin von http://www.beyondmymat.de

  2. Ein tolles Interview- es spricht mir aus der Seele. Ich bin Yogalehrerin und Ausbilderin und freue mich immer mehr, Menschen zu finden und kennenzulernen, die erkennen was in dem Satz von Mark Whitewell so treffend beschrieben ist.

    „Ein guter Yogalehrer ist wie ein guter Freund. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jemand, der einen Weg schon mal gegangen ist und auf diesen Weg jetzt andere mitnimmt und sie auf diesem Weg unterstützt. Du bist nicht wichtiger als die Schüler und sie sollten dir deshalb auch nicht weniger wichtig sein.“

    Ich hatte das Glück Patrick schon in einem Workshop in Ludwigsburg erleben zu dürfen und er ist für mich ein Vorbild und jemand bei dem man sich richtig, aufgehoben und wohlfühlen kann. 🙏🏻
    Pia von YogaMe

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