Yoga und der Tod – die Erkenntnis des Jahres

Endlich mal wieder Extraklasse.

Nach dem ganzen Weihnachts- und Silvesterwahnsinn und einsamem Zuhauseüben habe ich gestern Abend endlich mal wieder eine Klasse hier in München besucht. Und die hatte es in sich: Der Fokus lag auf dem Loslassen, die Schüler sollten sich weniger auf die aktiven Aspekte der Praxis konzentrieren, sondern auf die passiven. Eine schöne Idee. Immer wieder mal nachspüren, was ich in welcher Asana eigentlich gerade nicht mache. So was tut mir gut, beim täglichen Mattenturnen kommt man ja schnell in eine gewisse Routine, die man ab und zu mal aufbrechen muss. Und abgesehen davon, dass „Loslassen“ irgendwie entspannt klingt, war ich nach den 90 Minuten – wie eigentlich immer – komplett verschwitzt und fix und alle. Auch das tut mir gut, vor allem nach der eher toxischen Ernährung in den letzten Wochen.

Was ist denn hier los?

Die gestrige Yogaklasse konnte übrigens nicht nur qualitativ beeindrucken, auch in Sachen Quantität war einiges geboten: Weil der Übungsraum noch besetzt war, stand der Rest des Studios voller Menschen und ich bin – buchstäblich – nicht mehr aus der Umkleide gekommen. Mehr Rockstar geht eigentlich nicht, haha. Offensichtlich gab es zu Weihnachten nicht nur lecker Essen und Geschenke, sondern gleich noch ein gutes Bündel guter Yogivorsätze. Ich denke, dass sich die Lage also in einigen Wochen wieder entspannen und der schöne Parkettboden im Übungsraum zwischen den Yogamatten wieder sichtbar wird. Gestern war der Abstand zu den Yogis neben mir jedenfalls so gering, dass ich aufpassen musste, wohin mein Schweiß abläuft. Sorry, Leute. Aber jetzt, wo alle wieder von den yogischen Kryas (Reinigungsritualen) sprechen, sollte die heilsame Funktion der Schweißdrüse auch ihre 15 Minuten Ruhm bekommen. Eine saubere Sache, powered by my körperliche Überforderung.

Es geht auch anders.

Nach der ganzen „passiven“ Schwitzerei war es dann irgendwann (endlich) soweit: Sha-fucking-vasana, Baby. Juhuuu! Aber wer dachte, wir verabschieden uns in eine gechillte, mentale Nullrunde, hatte sich geschnitten: Stattdessen sollten wir in unseren rötlich-glänzenden Köpfen mal herumkramen, ob da irgendwas versteckt ist, was sich lohnte von passiv in aktiv zu ändern. Oder in Nichtbuchhalterdeutsch: Finde etwas, was du mal mit dir selbst klären solltest und nutze die zehn Minuten dafür. Oder für Leute wie mich: Heul doch. Mein Shavasana ist ja bekanntlich immer relativ nah am Wasser gebaut, allerdings ist das so ein Ding zwischen mir und mir. Ich war mir sicher, dass ich auf Kommando keine echte emotionale Regung in mir erzeugen könnte, das können eigentlich nur Mentalpornodarsteller auf RTL2 am Nachmittag. Trotzdem habe ich es mir natürlich bequem gemacht und die Augen geschlossen. Und dann passierte das, was immer passiert: Vor meinem geistigen Auge erschienen meine Kinder.

Oder auch ganz anders.

Mein Sohn und meine Tochter besuchen mich fast immer in der Abschlussentspannung, manchmal bringen sie auch meine Frau mit. Ich kann machen, was ich will – aber statt total abzuschalten, sehe ich in ihre kleinen Kinderaugen und freue mich, dass es sie gibt. Und ich freue mich so sehr, dass ab und zu auch mal ein Tränchen auf meine Matte kullert (übrigens auch ein gutes Reinigungsritual, zumindest für die Tränendrüsen). Und wie ich mir also ganz entzückt die drei kleinen Gesichtchen anschaue, komme ich ins Grübeln. Denn auf einmal wurde mir bewusst, dass Shavasana der Ort ist, wo ich immer mit den Menschen zusammen sein kann, die ich am meisten liebe: Meine Familie. Egal, wie alt sie sind, egal wie weit von mir entfernt. Ich muss nur in diesen wunderbar entspannt-erschöpften Zustand kommen und die Augen schließen. Und schon sind sie bei mir.

Und dann hat es mich umgehauen.

Diese Erkenntnis an sich ist zwar schön, aber selbst für meine bescheidenen Verhältnisse noch kein lebensverändernder Moment. Aber dann hat es nach einigen Minuten noch mal richtig laut „Klick“ gemacht. Denn wenn man bedenkt, dass Shavasana die Leichenhaltung (Sanskrit: śava = Leichnam) ist, macht einiges plötzlich ganz viel Sinn: Shavasana ist der Ort, an dem meine Kinder immer Babys sein können. Der Ort, an dem meine kleine Tochter in meinen Armen einschläft und mein Sohn mich nachts weckt, um zu kuscheln. An dem meine Frau wieder 22 Jahre jung ist und wir auf dieser Open Air-Party in Barcelona zusammen Tequila trinken. Wenn die, die mir am nächsten sind, für die ich alles geben würde, mich in der Abschlussentspannung anlächeln und wenn Shavasana eine Simulation für den Tod ist – dann nimmt das dem Leben nach dem Sterben doch so vieles von dem, was wir fürchten. Nämlich alleine zu sein, fern von unseren Geliebten. Und vielleicht ist ja so einfach: Wir legen uns irgendwann ein letztes Mal hin, schließen die Augen und sehen in ihre lächelnden Gesichter. Für immer. Namaste.

PS: Auch wenn ich dem Jenseits jetzt einiges mehr abgewinnen kann, will ich erst mal noch viele Jahre hier bleiben. Choose life und so.

Fotos: Liza „Tequila“ Meinhof