Was Yoga mit dir macht – dein Atem

Aber selbstverständlich doch.

Einatmen, Ausatmen, Aufatmen, Schnappatmen, Durchatmen, Feueratmen, Nasenflügelatmen, Schwachatmen, Künstlichbeatmen und irgendwann gar nicht mehr Atmen. Der Duden bezeichnet das Atmen als „schwaches Verb“, obwohl das Geschnaufe sich ja von der ersten Sekunde an durch unser Leben zieht und – zusammen mit dem Puls (und ungefähr 1 Mio. anderen Dingen) – unseren Körper mit lebenswichtigem Sauerstoff versorgt. Kein Atem, kein Spaß. Und selbst wir Yogis, die wir so viel auf unsere korrekte Durchlüftung geben, nehmen unseren Atem allzu oft als selbstverständlich hin. Wenn wir nicht gerade zwei Minuten am Tag mit Kapalabhati oder Meditieren beschäftigt sind. Es ist ja irgendwie auch ganz normal, dass der Atem fließt ­– selbst routinierte Ujjayi-Könner denken nicht aktiv an jeden ihrer Lokomotivatemzüge. Atem kommt und Atem geht, jeden Tag und jede Nacht. Dabei hat die korrekte Luftzufuhr unseres Körpers wirklich etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

Oben oder unten – der alte Kampf.

In meinem Leben hatte ich schon einige Lehrer, die mir genau sagten, wie ich zu atmen (sitzen, sprechen, essen, arbeiten, auszusehen…) hatte. Sportlehrer, die sich sicher waren, dass ich durch die Nase ein- und durch den Mund wieder ausatmen solle. Gesangslehrer, die wussten, dass ich meinen Atem so weit wie möglich in den Bauch lenken solle. Und dann wieder Yogalehrer, die mich ständig ermahnten, gefälligst in den Brustbereich zu atmen. Es ist kompliziert, eigentlich will ich doch nur ein bisschen Luft holen! Und eigentlich bin ich doch als Baby auf die Welt gekommen und konnte gleich ganz toll atmen. Aber da sitze ich jetzt auf meiner Yogamatte und beobachte meinen Atem und stelle sicher, dass ich in der Meditation meinen Bauch beatme, in der Asana-Praxis die Brust (der Mund bleibt dabei bitteschön auch in der Erkältungssaison ganz passiv. Schnief). Was ist in den vergangenen Jahrzehnten atemtechnisch also falsch gelaufen und wie um alles in der Welt finde ich zu einem „richtigen“ Atem? Weil ich – vorsichtig ausgedrückt – etwas verwirrt war, habe ich recherchiert und bin dabei auf die Alexander-Technik gestoßen (bitte nicht mit dem gleichnamigen Drink verwechseln, der eher für Kurzatmigkeit sorgen kann).

Alexander, der große Atemkünstler.

Die so genannte Alexander-Technik geht zurück auf den 1869 in Tasmanien geborenen Schauspieler Frederick Matthias Alexander und befasst sich unter anderem mit körperlichen Fehlhaltungen, die am Ende Einfluss auf unsere Atmung haben. In Alexanders Fall war es so, dass er auf den Theaterbühnen unter massiven Stimmproblemen litt, die er durch Selbstbeobachtung auf Haltungsfehler und Fehlbewegungen zurückführen konnte. Dabei fand der heraus, dass der Mensch seine täglichen Handlungen nach Gewohnheiten verrichtet, die wiederum Einfluss auf unsere Selbstwahrnehmung haben. Um Fehlhaltungen zu Korrigieren und dadurch wieder zum „richtigen“ Atmen zu finden, entwickelte Alexander spezielle Übungen, die auf Achtsamkeit und Selbstkontrolle basieren. Also körperliche Probleme, die durch achtsames Handeln geheilt werden – klingt irgendwie nach Yoga, oder?

 

Eine Frage der Wahrnehmung.

„Hören Sie einfach auf, das Falsche zu tun, und das Richtige geschieht von alleine.“ Das klingt zwar erst mal nach einer typischen Binsenweisheit, wie ich sie tagtäglich unter meine Instagram-Fotos poste. Aber dieser Satz fasst die Art, wie die Alexander-Technik arbeitet, ganz gut zusammen. Zu Recherchezwecken habe ich mir das Buch Besser Atmen von Richard Brennan, der seit 25 Jahren die Alexander-Technik lehrt, besorgt und innerhalb von zwei rekordverdächtigen Tagen komplett durchgelesen. Laut Alexander (bzw. Brennan) ist der Atem beispielsweise direkt mit der Körperhaltung verbunden. Und weil wahrscheinlich jeder Erwachsene seine gesunde Körperhaltung irgendwann verlernt hat (Stichwort „Schulbank/Bürojob, Handy“), halte ich diese Herangehensweise für gar nicht mal so verkehrt. Was mich besonders geflasht hat, waren aber die Wahrnehmungsübungen: Wenn wir tief in die Nase einatmen, ziehen fast alle von uns Luft nach oben „zwischen ihre Augenbrauen“ – obwohl der Nasenkanal horizontal verläuft. Brennan empfiehlt also, „von vorne“ einzuatmen, was wirklich ein total anderes (bei mir: total entspanntes) Gefühl gibt.

Mach‘ gut, Yoga?

Wie häufig, wenn ich ein neues Thema für mich entdecke, bin ich total angefixt und will mich komplett reinsteigern. In diesem Fall: Meine Yogikarriere beenden und Atem- bzw. Alexander-Coach werden. Allerdings bin ich mir nach einer (mittelmäßigen) Nacht Schlaf nicht mehr so ganz sicher, ob das jetzt wieder die ultimative Wahrheit ist und andere (eventuell fertig ausgebildete) Yogalehrer werden mir sicher recht geben. Das Thema Atmen beschäftigt und verwirrt mich nun aber schon so lange, dass ich die Alexanders Gedanken mega spannend finde und die praktischen Übungen im Buch unbedingt durchziehen will. Als überzeugter Yogi mag ich vor allem den ganzheitlichen Aspekt: Stress sorgt für Verspannungen und die wiederum sorgen für Unregelmäßigkeiten beim Atmen. Und eine weitere Erkenntnis aus Brennans Buch lautet, dass wir uns beim Atmen viel zu sehr aufs Einatmen konzentrieren, um uns mit einer maximalen Menge an Sauerstoff vollzupumpen. Dabei ist das richtige Ausatmen viel wichtiger, um Platz zu machen für die neue Energie. Und das ist für uns Yogis doch ein ganz schönes Bild: Ständig suchen wir nach neuem Input und vergessen dabei, Raum zu schaffen. In der Lunge und im Herzen und im Kopf. Namaste.

Richard Brennan: Besser atmen – Mit über 30 Übungen zu mehr Energie, einem besseren Körpergefühl und weniger Stress – erschienen: Oktober 2017

 

 

Softcover, 144 Seiten
Riva Verlag
ISBN: 978-3-7423-0241-0
16,99 (D)

Erhältlich beim riva Verlag oder Amazon.

Fotos: Liza Meinhof / riva Verlag

Hinweis: Die netten Menschen vom riva Verlag waren so lieb und haben mir ein Exemplar von Besser atmen für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt. Das macht diesen Beitrag nicht nur zu einem Erfahrungsbericht, sondern auch zu Werbung.

Ein Gedanke zu „Was Yoga mit dir macht – dein Atem

  1. Tja, so isses halt. Die ultimative Wahrheit gibt es nicht. Oder doch? Moment….stimmt. Die ist ja 42. Leider für mich auch schon passé. Egal. Dann finde ich einfach eine Neue.

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