Yoga mit Prozenten – Statistik zum Yogaunterricht

Statistisch gesehen kann nichts passieren.

Ich habe einen Bekannten, der früher (ich hoffe, er macht das jetzt nicht mehr) in brenzligen Situationen auf statistische Wahrscheinlichkeit vertraut hat. Wenn er zum Beispiel übermäßig schnell mit dem Auto unterwegs war, nahm er eine Hand vom Steuer und hielt sich damit (über den Kopf hinweg) ein Ohr zu. Weil er sich sicher war, dass – statistisch betrachtet – noch niemand einen Unfall erlitt, der sich am Steuer bei 220 km/h auf diese Weise sein Ohr zuhielt. Je länger man über diese Theorie nachdenkt, desto plausibler erscheint sie, oder? Aber (auch das sagt die Statistik), außer meinem alten Buddy aus der Pfalz, denken wohl nicht viele Leute so. Und in 9 von 10 Fällen ist das eigentlich ein gutes Zeichen für die geistige Gesundheit der Bevölkerung. Und für die Sicherheit im Straßenverkehr.

Yogadude vs. Statistik.

Obwohl man es gar nicht mehr so richtig wahrnimmt – es ist immer noch diese Fußball-WM, bei der „unsere“ Nationalmannschaft ja alle statistischen Negativrekorde gebrochen hat. Und weil es sportlich nicht so lief für den Bundesyogi und die Jungs, waren die Statistiken im TV zeitweise interessanter als das Geschehen auf dem Rasen. Ich liebe diese kleinen Einblendungen: Wer hat mehr Eckbälle oder Torschüsse, die größeren Spieler, schönere Haare oder die coolere Nationalhymne. Alles, aber auch alles, wird im Fußball quantitativ erfasst und kann – während den eher langweiligen Zeitabschnitten der Übertragung (bei Deutschlandspielen 2018 ca. 75 Minuten pro Spiel) – in die Moderation eingeflochten werden. Meine Highlights? 20 Prozent der Bevölkerung Islands haben sich für WM-Tickets beworben. Der einzige Nationalspieler, der über 20 Jahre lang für Deutschland auflief, ist Lothar Matthäus (1980-2000). Und mehr als ein Viertel aller insgesamt 915 eingesetzten deutschen Nationalspieler kam nur einmal zum Einsatz.

Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Weil das Erfassen und Auswerten von Zahlen wohl zu den faszinierendsten Tätigkeiten überhaupt gehört (Ironie Ende), habe ich begonnen, bei meinem Yogaunterricht akribisch Buch zu führen. Und bin auf interessante Fakten gestoßen:

Die Erste.
Seit Februar unterrichte ich Yoga und letzte Woche wollte das erste Mal eine Schülerin KEINE Nackenmassage in Savasana. Das entsprach immerhin einer alarmierenden Quote von 7,7%. Ich war natürlich überrascht, aber als alter Erbsenzähler fiel mir auch auf, dass 82,3% der Anwesenden Interesse an der manuellen Behandlung ihres Nackens hatten. Und zu meiner Verteidigung muss ich hinzufügen: Die Schülerin, die verweigert hat, war das erste Mal in meiner Klasse. Eventuell mag sie die Massage generell nicht (oder hat ein Gelenkleiden).

Die Meisten.
Am nächsten Tag kam es zu einem weiteren Ausreißer in der Kurve: Bei meiner Early-Bird-Klasse (Santosa Yoga, Donnerstag um 7:30) lag der Männeranteil bei 80%. Absoluter Rekord, das wird es so wohl nie mehr geben! Laut einer aktuellen Studie praktizieren nur 1% der Männer in Deutschland überhaupt Yoga, davon waren ja fast alle bei mir letzte Woche! Aber bedeutet das, dass mein Unterricht für Frauen eventuell nicht mehr attraktiv ist? Eine andere Erklärung liegt näher: Frauen schlafen einfach gerne länger morgens und wir Männer sind schon seit Urzeiten daran gewöhnt, die Höhle früh zu verlassen. Eine gewagte These, ja. Aber die Yoginis können mich nächsten Donnerstag ja gerne vom Gegenteil überzeugen (Werbung Ende).

Die Älteste.
Meine wahrscheinlich treueste Schülerin bringt regelmäßig ihre Familie mit in die Klasse. Ihr Mann war schon einige Male da und auch ihre erwachsene Tochter. Letzte Woche hatte sie aber das erste Mal ihre Mutter dabei, mit der ich vor dem Yogaunterricht noch ein paar Worte wechseln konnte. Dabei war zum einen bemerkenswert, dass sie mich konsequent „siezte“, was aber wohl eine Frage der Generation ist, in der man sozialisiert wird. Außerdem erwähnte sie ganz nebenbei, dass sie „nicht so gut“ Yoga üben könne, weil sie ja schon 81 Jahre alt sei. Und als wenn das nicht schon genug wäre (normalerweise sind 100 von 100 SchülerInnen unter 81) , hat sie in meiner 75 Minuten-Klasse keine einzige Asana ausgelassen und damit eine 100%-Mitmach-Quote hingelegt. Bäm!

Die Kurve geht nach oben.

Was habe ich jetzt aus dieser ganzen Erbsenzählerei gelernt? Eigentlich zwei Dinge. Erstens: Ich will in 40 Jahren immer noch zum Yoga gehen, werde den Yogalehrer allerdings total lässig duzen. Wahrscheinlich wird das dann aber als spießig gelten, weil „Sie“ das neue „Du“ ist oder alle Schüler Cyberhelme tragen, um anonym zu bleiben (Datenschutz!) oder was weiß ich denn. Zweitens: Statistik ist und bleibt für mich irgendwie interessant, wird aber keinen nennenswerten Einfluss auf mein Yogaleben haben. Denn Statistik ist immer eine Verallgemeinerung, eine Absage an das Individuum. Und so etwas hat nach meinem Verständnis beim Yoga leider keinen Platz. Alt und jung, mit Massage oder ohne: In einem Raum voller Yogis stehen Menschen mit 1.000 kleinen Eigenschaften, körperlich wie geistig. Und die lassen sich eben nicht in eine Statistik pressen, die muss ich als Lehrer einzeln abholen und unterrichten. Und das finde ich wunderbar, ich freue mich über jeden einzelnen von ihnen. Und zähle weiterhin nur die Atemzüge mit. Namaste.

Fotos: Liza Meinhof

4 Gedanken zu „Yoga mit Prozenten – Statistik zum Yogaunterricht&8220;

  1. Ich danke dir, dass du mir schon so viele Minuten oder Stunden meines Lebens mit deinen witzigen Beiträgen erheitert hast! Leider war ich in Mathe immer schlecht und kann dir keine Statistik dazu liefern. 😀

    1. Haha, das macht nichts, ich könnte mit den Zahlen sowieso nichts anfangen 🙂 Ich freue mich, wenn du dich freust, ganz vielen lieben Dank fürs Lesen!

  2. Dude,

    danke für einen weiteren unterhaltsamen Blog-Eintrag, den ich wieder gerne gelesen habe. Damit gehörst du zu den zwei Blogs, die ich überhaupt zu lesen bereit bin – quasi ein statistischer Ausreißer nach oben ;-)!

    Aber mal ernsthaft, du teilst wirklich interessante, persönliche Gedanken mit der Welt, die meine eigene Gedankenwelt mehr anregen als die üblichen „Hast du schon mal von Chakren gehört?“-Standard-Yoga-Lifestyle-Blogs. Irgendwie interessieren mich diese ganz normalen Alltagsfragen viel mehr!

    Auch schön, dass ich nicht die einzige bin, die ein Tribal-Tattoo trägt und es zwar nicht bereut, aber es eben auch nicht gerade gern zeigt :p … jetzt habe ich direkt Lust, mir ein Neues stechen zu lassen, das von dem anderen ablenkt. Ich denke aber, ich warte damit, bis ich wieder einen entscheidenden Moment meines Lebens damit verewigen kann.

    1. Vielen lieben Dank für das ausgiebige Feedback! Und natürlich fürs Lesen – viel Spaß beim Tätowieren 😉

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