Meine Hassanas – wenn Yoga-Übungen wahnsinnig machen

Dreimal daneben ist auch vorbei.

Ich habe hier ja schon allen die Ohren vollgeheult: Seit einigen Wochen pendle ich mal wieder regelmäßig nach Berlin zum Arbeiten. Also für „die andere“ Arbeit, leider nicht zum Yoga unterrichten. Und es ist okay: Meistens nehme ich entspannt die Bahn, schlafe bei Freunden und arbeite nebenbei noch meine Zehnerkarte im Lieblingsyogastudio ab. Und genau dort hat es mich letzte Woche eiskalt erwischt: Die Lehrerin (die ich wirklich sehr schätze) hat während der 90-Minuten-Klasse nicht ein-, nicht zwei-, sondern gleich dreimal eine Asana angesagt, die ich überhaupt nicht ausführen kann. Auch wenn ich nicht der größte Mattenathlet bin – das ist mir so noch nie passiert. Dass ich mich mal schwertue oder EINE Haltung nicht hinbekomme? Okay. Aber gleich DREIMAL in 90 Minuten? Und so saß ich dann in der ersten Reihe. Mit einem verwunderten Lächeln im Gesicht und der Erkenntnis, dass mich meine Yogapraxis noch einige Jahre lang herausfordern wird.

Choose your Enemies

Jeder hat ja seine eigenen Hassanas. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als Anfänger den Bogen (Dhanurasana) voller Respekt den „Knochenbrecher“ nannte. Oder wie hilflos ich aus meinen ersten Kopfstandversuchen auf den Wohnzimmerboden fiel. Von den schmerzhaften tiefen Vorwärtsbeugen ganz zu schweigen! Einige von den eher fordernden Posen kann man sich ganz gut erarbeiten, finde ich. An anderen hingegen bin ich schon fast verzweifelt. In der oben genannten Klasse waren das der ganz entspannte Spagat (Hanumanasana), der kraftraubende Unterarmstand und – tadaaa – mein alter Erzfeind: Der freie Handstand. Na gut, ehrlich gesagt bin ich nicht wirklich an diesen Haltungen verzweifelt. Ich hatte irgendwann nur keine Lust mehr, sie zu üben. Denn sie kommen sowieso in fast keiner Klasse vor, die ich besuchen würde. Und dass gleich alle drei innerhalb derselben Session angesagt werden, ist so wahrscheinlich wie ein Pulled Pork-Barbecue mit Freibier-Flatrate bei der Jivamukti-Jahreshauptversammlung. Aber dieses eine Mal hat die Statistik über mein effizienzgetriebenes BWL-Denken gesiegt. Touché.

Keine Competition? Schnauze!

Natürlich höre ich mich als Yogalehrer selbst ständig sagen, dass Wettbewerbsdenken im Yoga keinen Platz hat. Aaaaaber: „Privat“ bin ich auch nur ein Yogi. Und will mich bzw. meine Praxis weiterentwickeln. Dazu gehört nicht nur, dass ich noch toller auf der Matte rumturnen kann. Aber eben auch. Nicht um andere zu beeindrucken, wie z.B. die Dame neben mir in besagter Klasse letzte Woche. Die hat sich – einfach so zum Aufwärmen – schon mal vor dem eigentlichen Unterricht in den Spagat UND den freien Handstand geworfen. Scheinbar wusste sie besser, was uns erwartet. Vom Unterarmstand wurde sie trotzdem eiskalt erwischt, hehe. Und ob sie wollte oder nicht: Sie hat natürlich den ganzen vollen Raum mit ihrer Athletik beeindruckt. War aber auch nicht so schwer – direkt neben ihr saß ich erschöpft von einem ultralangen Arbeitstag im viertel Lotus und habe versucht, an irgendwas Schönes zu denken. Wie auch immer: Es ist meine Praxis und ich will darin besser werden. Asanas präziser ausführen, weiter in die Dehnung oder Drehung gehen und neue Positionen lernen. Daran ist meiner Meinung nach nichts verwerflich. Es beschwert sich ja auch keiner, wenn ich plötzlich drei Stunden meditiere statt drei Minuten.

Es geht doch.

Im Zuge meines halbherzigen Selbstoptimierens konnte ich die eine oder andere Hassana bereits meistern. Mein freier Kopfstand ist mittlerweile recht stabil und auch der Knochenbrecher fühlt sich nicht mehr jedes Mal so an als würde gleich meine Wirbelsäule aufgeben und mit einem unappetitlichen lauten Knackgeräusch einfach in der Mitte brechen. Meine meistgehasste Asana ist sogar zu meinem absoluten Liebling auf der Matte geworden: Padmasana, der Lotussitz. Es gibt bestimmt Menschen (älter als 9 Jahre), die einfach so ihre Beine zu einer Brezel verknoten. Ich gehörte ungefähr fünf Jahre lang nicht dazu. Aber weil der Lotus so nach Yoga aussieht, wollte ich ihn unbedingt meistern. Und habe mich abends auf der Couch hingesetzt und daran gearbeitet. Netflix: Linker Fuß auf rechten Oberschenkel. Schluck Bier: rechter Fuß auf linken Oberschenkel. Jahrelang. Erst den halben und irgendwann dann den ganzen Lotussitz auf einmal. Jetzt liebe ich ihn, verbringe jeden Tag Zeit in dieser Haltung. Aber das muss ich auch, denn schon einige Tage Abstinenz quittieren meine Beine mit Ächzen und Ziehen und ich fange gefühlt wieder von vorne an.

Die anderen können mich mal.

Nach meinem dreifachen Aussetzen beim Gastspiel in Berlin, ging mir einiges durch den Kopf: Sollte ich ganz gezielt diese Asanas üben und beim nächsten Mal triumphierend zeigen, was ich kann? Wäre es nicht sogar das Richtige, weil ich als Yogalehrer doch auch alles vorturnen muss? Am nächsten Morgen habe ich diesen Plan gleich in die Realität umgesetzt. Neue Programmpunkte in meiner Morgenpraxis: Die waren drei Aussetzer vom Vorabend. Und an denen habe ich noch ein paar Tage weitergearbeitet, dann aber wieder mal die Lust verloren und mich darauf konzentriert, „Gelerntes zu festigen“. Vielleicht gibt es ja mal eine Zeit für den freien Handstand und mich (also länger als eine Hundertstelsekunde). Oder den Unterarmstand, oder den Spagat. Im Moment müsste ich mich dazu aber wirklich überwinden. Vielleicht aus Trägheit, vielleicht aber auch, weil die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Für den Kopfstand, den Lotus und alle anderen war sie ja bereits da. Und auf den Rest kann ich gerne noch ein wenig warten. Namaste.

Fotos: Liza „Kannst du eigentlich auch andere Asanas?“ Meinhof

 

2 Gedanken zu „Meine Hassanas – wenn Yoga-Übungen wahnsinnig machen&8220;

  1. Hallo 🌞Deine Worte sind absolut und unumgänglich der Hammer !
    Normalerweise würde ich schreiben:“ no comment“…aber … ich muss schreiben 🙂

    Es hat mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert ! Danke dafür 🙏🏻

    Om shanti , Shahima

Kommentare sind geschlossen.