Mein Leben mit Yoga – Wie alt bin ich jetzt eigentlich?

Jetzt ist es offiziell. 

Ich bin alt. Richtig alt. Als ich geboren wurde, war Elvis Presley noch am Leben. ABBA auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die DDR hatte noch zwölf Jahre vor sich und die deutsche Fußballnationalmannschaft (erst zweimaliger Weltmeister) gewann zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ein Spiel gegen Italien. Ja, ich bin alt. Wenn ich meine Schulfreunde anrufen wollte, musste ich im Telefonbuch ihre Nummern nachschlagen und – für ein wenig Privatsphäre – das ausgeleierte Spiralkabel am beigefarbenen Wandtelefon (mit Wählscheibe) – noch ein bisschen weiter ausleiern. Im Auto fuhren wir ohne Gurt, was im Nachhinein allerdings nicht so gefährlich war wie der Passivrauch von Papas Zigaretten auf der 1.200 km-Strecke nach Südfrankreich. Ohne Klimaanlage. Doch es war nicht alles schlecht damals. Wir hatten immerhin schon Farbfernsehen und zwar in allen drei Programmen. Leute, ich bin so verdammt alt, dass die Kinder mich Fragen, ob ich früher gegen Dinos gekämpft habe!

Geht es Ihnen gut?

Diese Woche war ich zum ersten Mal in einem (relativ neuen) Yogastudio hier in München. Ich würde dort gerne unterrichten und wollte mir den Laden deshalb aus der Nähe anschauen (Studio-Check folgt!) Und was ist mir gleich aufgefallen, als ich dort – altersbedingt – unbeholfen auf meiner Matte hin- und hergerollt bin? Ich war – tadaaa – mit Abstand der Älteste im Raum. Vor Schreck wäre mir fast die Erwachsenenwindel aus der Leggings geflutscht! Das kam jetzt wirklich noch nicht oft vor. Ich meine: Klar, wenn ich selbst unterrichte, kommen natürlich viele junge Frauen um Zeit mit mir zu verbringen. Aber eben auch andere, die nicht erst geboren wurden, als Elvis zusammen mit der DDR und dem Wählscheibenwandapparat längst beerdigt war. Aber an diesem Abend? Ich, umgeben von der Schönheit der Jugend. Höchstwahrscheinlich waren die meisten der Anwesenden Studentinnen oder gingen noch zur Schule. In meinem Alter fällt es mir zunehmend schwerer, den Unterschied zwischen 15 und 25 zu erkennen. Immerhin wurde ich aber von niemandem gesiezt. Das kann ich – obwohl ich Gesten des Respekts selbstverständlich zu schätzen weiß – überhaupt nicht leiden. Aber man hat mich wohl weniger wegen meines jugendlichen Äußeren als wegen der sichtbaren Erschöpfung nicht angesprochen „Geht es Ihnen gut?“ hätte mir auch gerade noch gefehlt.

Wie hieß er noch?

Prinzipiell habe ich kein Problem mit dem Älterwerden. Dass man für Yoga nie zu alt ist, habe ich – dank meiner über die Jahrzehnte erworbenen Weisheit – schon vor einiger Zeit festgestellt. Und es hat auch viele Vorteile, ein paar Jahre hinter sich gebracht zu haben. Die eigenen Babys altern mit und bleiben im fortgeschrittenen Kindesalter auch mal einen Abend bei den Großeltern, damit Papa in der Kneipe mit Freunden ein Kaltgetränk bei Live-Musik genießen kann. Habe ich am Samstag in meiner geliebten alten Heimat Karlsruhe gemacht und dabei zufällig einen alten Arbeitskollegen getroffen. Der ist (eigentlich undenkbar!) noch älter als ich und hat mich erstmal nicht erkannt . Was allerdings daran liegt, dass wir uns seit 1997 nicht gesehen hatten und ich damals auf Arbeit eher so das niedliche Maskottchen war. Wie auch immer: Wir haben uns lange unterhalten und auf den neuesten Stand gebracht. Er sagte, er war wirklich froh, dass ich auch gealtert bin in den vergangenen 22 Jahren. Ich hingegen wäre so langsam froh, wenn mir sein Nachname irgendwann wieder einfallen würde! Aber so geht das eben mit dem Alter.

Weißt du noch?

Warum die Sache mit dem Alter mich seit diesem Abend nicht loslässt, hat weniger was mit meinem schwindenden Gedächtnis zu tun. Sondern damit, dass mir in dem Zusammenhang wieder etwas bewusst geworden ist: Ich habe mich mein Leben lang älter gefühlt, als ich tatsächlich war. Ich weiß zum Beispiel, dass ich mit 17 (als Oasis ihr erstes Album veröffentlichten) schon ein ziemlich ausgebufftes Kerlchen war – in vielerlei Hinsicht reifer als ich es manchmal heute bin. Und zehn Jahre später konnte ich darüber lachen, weil ich wusste, dass ich buchstäblich noch ein Kind gewesen war. Allerdings hat der 27-jährige Yogadude (damals noch ein Nogadude) auch gedacht, er wäre jetzt irgendwo im Leben angekommen und würde da jetzt bleiben. Und das Leben hat ihn kräftig ausgelacht und nochmal alles auf Null zurückgestellt. Und mit 37? Habe ich mir gewünscht, nochmal 27 zu sein und die Energie von damals zu haben. Weil ich in dem Jahr das erste Mal Vater wurde. Und weil in dem Jahr eigentlich keine einzige richtig gute Platte veröffentlicht wurde. So zieht sich das bei mir durch. Ich fühle mich irgendwie alt und angekommen. Und merke hinterher, dass ich überhaupt nichts wusste!

Und jetzt?

Heute versuche ich immerhin, das mit dem Alter mit Würde zu nehmen. Wie ein Erwachsener eben. Ja, es knackt beim Laufen überall in meinem Körper. Ja, ich brauche ab und zu ein Mittagsschläfchen. Und ja, im Laufe der Zeit sind noch etliche meiner Helden dem King ins Jenseits gefolgt. Aber immerhin kann ich mich noch selbständig an- und ausziehen. Und sicher fällt mir auch noch der Nachname meines alten Arbeitskollegen ein. Aber klar: Ich habe schon ein paar Mal gedacht, dass ich früher mit dem Yoga hätte anfangen sollen. Oder zumindest mit der Asanapraxis (und ganz bestimmt mit dem dem ganzen Instagram-Gedöns!). Aber dann wäre es auch nicht dasselbe wie es jetzt für mich ist. Jetzt, wo ich so schrecklich alt bin, bin ich eben auch ein bisschen reifer. Und darum hätte mich mein Teenager-Ich ganz bestimmt beneidet. Denn es wollte unbedingt so schnell wie möglich reifen und zu irgendwelchen schlauen Erkenntnissen kommen. Auf die warte ich teilweise noch heute. Aber ich bin alt genug, um das immerhin zu realisieren. Namaste.

Fotos: Michael Gebhardt / Scornography (2009)

2 Gedanken zu „Mein Leben mit Yoga – Wie alt bin ich jetzt eigentlich?&8220;

  1. Hallo und guten Morgen. Ich ☀️
    Ach Gottchen. Ich erkenne mich in dieser Geschichte wieder.
    Ich hab versucht zu errechnen wie alt du bist, komm aber irgendwie nicht drauf … liegt am Alter, glaub ich …. 😉😂
    Ich wünsche dir einen schönen Tag 🙏🕉
    LG Alexandra

  2. Ja und ja und annehmen. Leicht gesagt. Ich bin jetzt 53. Yogalehrerin bei einem nicht unangesehenen Fußballclub. Ein Traum? Ja. Ich könnte ihre Mutter sein und so staunen meine durchtrainieren hübschen Schüler, dass es tätowierte, im Kopf und Körper bewegliche Frauen in diesen Jahrgängen gibt. (Sehe natürlich jünger aus. 20 Jahre Yoga sei Dank!) nur diese komischen Wechseljahre nerven. Aber auch da hilft Yoga immer wieder und nicht weiter drüber nachdenken. Das Leben ist schön & immer jetzt! Namaste Maria aus Berlin

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