Was Yoga mit dir macht – Teil 7: Dein verdammtes Handy

Don’t tell me how to live.

Gestern Abend war ich alleine auf einem Rockkonzert. Das kommt nicht oft vor, aber meine Begleitung musste kurzfristig geschäftlich verreisen (ja, so wichtige Leute kenne ich) und auf die Schnelle ließ sich niemand finden, der mit mir zu Monster Truck gehen wollte. Banausen! Der Vorteil beim Allein-auf-dem-Konzert-Sein ist, dass man auf niemanden Rücksicht nehmen muss und sich durch die Menge ganz nach vorne drängeln und dort zünftig abspacken kann, ohne jemanden durch Fremdschämen ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. Und genau so habe ich es gemacht: Erste Reihe, Bier im Plastikbecher, mit dem Arsch gewackelt und mitgesungen. Das tut so verdammt gut an einem Montagabend. Fast so gut wie Yoga.

Nur dabei statt mittendrin.

Es ist ja leider kein neues Phänomen, dass man auf Konzerten beim Blick auf die Bühne eigentlich nur die Display von Smartphones sieht. Auf den Displays: Die verkleinerte Version von anderen Displays, die den Blick auf die Bühne versperren. Aaaaaah! Fotos, Videos, Selfies, Wefies – alle sind ab dem Moment, in dem das Licht ausgeht, damit beschäftigt, Content für Social Media zu produzieren. Und gestern Abend hatte ich, was das betrifft, einen gefühlten Höhepunkt: Ich so, in der ersten Reihe am Tänzeln und Grölen und links und rechts und hinter mir nur menschliche Kamerastative. Was ist denn los mit den Leuten? Ich will bestimmt niemandem vorschreiben, wie er sich auf einem Rockkonzert („Don’t fuck with the truck!“) zu verhalten hat, aber wenn man pausenlos auf sein Handydisplay gafft, kann man doch nicht Teil der Show, sondern allerhöchstens distanzierter Zuschauer sein. Und dafür muss man sich nicht mit ein paar hundert verschwitzten Langhaarigen in eine viel zu laute Halle stellen, sondern kann sich den Gig auch auf YouTube oder ähnlichem gönnen.

„Ausgerechnet der sagt das!“

Ja, ich fühle mich ertappt: Auch ich mache auf jedem Konzert, das ich besuche, einen Schnappschuss für mein Konzerttagebuch auf Instagram. Und bis vor einiger Zeit war ich während einer Live-Show immer relativ lange mit dem Handy mit Posten, Teilen, Liken und Kommentieren beschäftigt. Genau wie in der U-Bahn. Oder im Urlaub. Oder auf dem Kinderspielplatz. Und jemand, der fast jeden Tag ein Yoga-Foto von sich auf Instagram oder Facebook veröffentlicht, sollte seine moralische Achtsamkeitskeule nicht zu hoch schwingen, oder? Doch sogar ich habe gelernt: Was um mich herum passiert, wird nicht erinnerungswürdiger durch intensive Dokumentation, sondern durch intensives Erleben. Deshalb bleibt mein Smartphone jetzt immer häufiger dort, wo es hingehört: In der Tasche und zwar bis es bimmelt. Also falls es bimmelt, denn wer benutzt das Ding eigentlich noch zum Telefonieren?

Keine Freunde: Yoga und dein Handy.

Regel Nummer 1: Wie auf dem Konzert hat das Mobiltelefon eigentlich auch beim Yoga nichts verloren. Doch selbstverständlich kommt keine Regel ohne Ausnahme, denn dein Yogalehrer braucht eventuell sein Handy mit der Spotify-Playlist für die Klasse. Oder du übst zuhause mit einer speziellen Yoga-App. Oder du fühlst dich sicherer, wenn deine Wertsachen nicht lediglich von einem Stoffvorhang in der Umkleide und der Hoffnung auf das Karmabewusstsein anderer „gesichert“ sind. Aber auch in diesen Ausnahmefällen gilt dasselbe wie beim Handstand-Workshop: Ab in den Flugmodus (haha!), denn fast nichts ist nerviger, als wenn es klingelt, brummt, pfeift oder vibriert, während du versuchst, deine innere Mitte zu finden. Dazu kurz folgende Alptraumvorstellung: Eine Yogaklasse, in der ständig jemand zum Handy greift um ein Foto zu machen, der Blick auf die Lehrerin/den Altar wird versperrt von perfekt ausgerichteten Muskelarmen mit Handydisplays an den Enden. Zum Glück gibt es dieses Bild mal wieder nur in meinem Kopf. Noch?

Dein Hier ist Jetzt.

Man könnte ja ewig weiter schimpfen: Handys und zerbrochene Ehen, Handys und falsche Schlankheitsideale, Handys und Terrorismus und schlechtes Wetter und Impotenz und Donald Trump. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich mag Smartphones, vor allem die Möglichkeit, immer und überall ein ziemlich gutes Foto damit zu machen und mit Freunden zu teilen. Wir können schöne Momente und Erlebnisse einfach in Bildern festhalten, die uns später mal beim Erinnern unterstützen. Doch sollten wir immer wieder darauf achten, diese Momente bewusster wahrzunehmen und uns achtsamer durch unsere Zeit zu bewegen. Und das heißt nicht, dass wir möglichst viel erleben müssen, um ein erfülltes Leben zu haben. Es ist viel wichtiger, das, was wir erfahren so intensiv wie möglich zu erfahren. Wenn wir uns ganz und gar auf das Leben einlassen, auf die wichtigen und scheinbar gar nicht so wichtigen Dinge, dann vergessen wir vielleicht immer öfter, das Handy zu zücken und ein Selfie zu machen. Und erinnern uns trotzdem noch in vielen Jahren an diese Momente als etwas Einzigartiges und Wunderbares. Namaste.

PS: Heute gibt es eine kleine Hausaufgabe: Welche Momente haben dich in letzter Zeit so gefesselt, dass du nicht auf dein Handy geglotzt hast?

 

Die Fotos sind wie immer von der Queen der digitalen Smartphone-Fotografie: Liza Meinhof.

5 Gedanken zu „Was Yoga mit dir macht – Teil 7: Dein verdammtes Handy&8220;

  1. Sonntag. Erst morgens mit meinen zwei buddy-chix zum wandern getroffen (Selfie, Wefie… alles am Start). Danach fettes Spargelessen (#foodporn-Foto muss immer sein) und abends auf der Terrasse, bei einem Glas Wein festgestellt, was für n toller Sonnenuntergang, was für ein ULTRA schöner Tag, davon MUSS ich die ganze nächste Woche zehren können. Mich daran erinnern, was ich für einen unglaublich schönen Tag hatte. Das Gefühl kann man nicht fotografieren. Daran muss man sich einfach so erinnern. 🕉️

    1. Hey, da waren unsere Sonntage wohl recht ähnlich. Schön, dass du so viel Schönes erlebt hast und dass es dich durch die ganze Woche bringt. Schönes Wochenende, Thomas

  2. Sehr guter Artikel mal wieder 🙂
    Ich hatte auch eine Phase, wo mein Handy immer und überall dabei war.
    Inzwischen gibt es aber einige Situationen, wo das Handy definitiv in der Tasche bleibt. Ganz voran, wenn ich mich mit Freunden treffe. Ich kenne leider auch welche, die selbst dann dauernd nur am Handy hängen und man sich mit der halben Aufmerksamkeit zufrieden geben muss (wenn man sich denn dann überhaupt noch trifft…). Menschen, die mir persönlich gegenüber sitzen, haben immer Vorrang vor jenen, die sich digital mit mir unterhalten wollen.
    Außerdem bleibt das Handy beim Essen daheim außer Reichweite (da gehe ich allerdings auch nicht ans Telefon) und am Steuer natürlich sowieso.
    Ich bin zwar nicht mit einem Handy aufgewachsen (Jahrgang ’89), aber ab dem Teeniealter hatte ich dann eins und man gewöhnt sich doch sehr schnell daran. Umso wichtiger finde ich, mich wieder daran zu gewöhnen, die reale Welt zu genießen. Früher war man schließlich auch nicht immer erreichbar und ist gut durch den Tag gekommen 😉
    Liebe Grüße vom GemüseBiest
    P.S. dieses Jahr steht wieder Rock im Park an und auch da bleibt das Handy in der Tasche. Erinnerungen im Kopf statt Fotos auf dem Handy 🙂

  3. Ganzwunderbarer Artikel!. Es stimmt wirklich. Man muss sich leider immer öfters „zwingen“ das Handy mal zur Seite zu legen. Ständig wird man dadurch aus seinem Alltag gerissen. Sei es durch Whats app, Sms (okay, eher selten), Facebook-Nachrichten oder Instagram. Immer wird man kontaktiert. Auch gerade im Büro kann sowas wirklich nervig werden, wenn die Kollegen den ganzen Tag das Handy nicht auf lautlos gestellt haben. Da bimmelt das Dinge den ganzen Tag! Furchtbar! Ich habe auch gerade einen tollen Artikel zum Thema https://ganzwunderbar.com/yoga-fuers-buero/ herausgebracht. Bei Interesse gerne mal rüberhüpfen!

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