Was Yoga mit dir macht – deine Maskerade

Offen für Rollenspiele.

Helau, Alaaf und was weiß ich! Es fastnachtet mal wieder. Sogar bei uns in München – auch wenn das hier sicher irgendwie anders heißt und die Biergläser größer sind als diese lächerlichen Fingerhüte in Köln. Aber unterm Strich ist es dasselbe: Singen, Tanzen, Trinken und das alles in – mehr oder weniger gelungener – Kostümierung. Früher ging man als Cowboy oder Prinzessin, heute eben als Cowboy oder Catwoman (gibt es das noch?). Ich mag die fünfte Jahreszeit, vor allem die Sache mit der Maskerade: Einmal im Jahr können wir einfach so in eine neue Rolle schlüpfen und ausprobieren, wie sich das anfühlt. Schmächtige Jungs werden zu starken Männern, starke Männer zu hübschen Frauen und hübsche Frauen zu garstigen Hexen. Zum Karneval darf jeder, wie er will, ohne schief angeguckt zu werden. Eigentlich eine schöne Sache, oder?

Entschuldigung, wer sind Sie eigentlich?

Wir Yogis kennen uns gegenseitig häufig nur in unserem Yogikostüm. Mit ein bisschen Glück sehen wir uns beim Rein- und Rausgehen ins/aus dem Studio in zivil, ansonsten sind wir nur Menschen in bequemen Sportklamotten. Ich weiß noch wie überrascht ich war, als ich mal mit zwei Yogalehrerinnen zum Essen verabredet war: Keine der beiden kam in Leggings zu unserem Date und beide hatten Schuhe an. Fast hätte ich sie nicht erkannt! Nein, das stimmt natürlich nicht. Aber ich finde es schon interessant, dass es Menschen gibt, die ich regelmäßig treffe, aber so gut wie nichts von ihrem Leben weiß. Außer, dass sie ganz gerne mal zum Yoga gehen. Selbst meine Arbeitskollegen kenne ich besser, weil man mal zusammen Mittag macht oder zumindest an der Kaffeemaschine ins Gespräch kommt. In der Yogaklasse bleibt einfach kein Raum zum Plaudern. Vielleicht sollte ich das in mein Konzept als Yogalehrer aufnehmen: „Und jetzt kommen alle in einen bequemen Sitz und reden – Einatmen – übers Wetter – Ausatmen – über die Arbeit.“

Leben im Lalaland.

Überhaupt, wir Yogis und unsere Verkleidungen. In der Yogaklasse will ja niemand damit rumprahlen, dass der total verkatert ist oder gleich noch einen 2-Euro-Döner essen geht. Selbst wenn jemand mal pupsen muss, will es niemand gewesen sein. Alle so mega politisch und auch sonst total korrekt. Das glaubt uns doch kein Mensch! Vor einigen Monaten war ich mit Freunden feiern und – naja, ich sage mal: Es gab Jägermeister. Und mitten in der Nacht treffe ich dann beim (non-veganen) Spätimbiss einen Dauergast aus meinem Stamm-Yogastudio. Und obwohl er genauso angedödelt war wie ich und ebenfalls eine Currywurst aus zweifelhafter Herstellung verschlang, fühlte ich mich irgendwie schuldig. Was im Nachhinein lächerlich ist – wir haben vormittags zusammen Yoga praktiziert, aber keiner von uns hat dem anderen suggeriert, dass er wie ein veganer Mönch lebt. Trotzdem fühlte ich mich in jener Nacht schmutzig mit meiner Wurst in der Hand. Höchste Zeit die Moralkeule aus dem Allerwertesten zu nehmen, schätze ich.

Ein ganzer Schrank mit Verkleidungen.

Mein guter Vorsatz für dieses Jahr lautet ja noch mehr ich selbst zu sein. Authentisch, echt und ungefiltert. Und in der Jägermeister-Nacht (Fun Fact: Ich hasse Jägermeister!) war ich das auch. Ich hatte einen schönen Abend mit einem alten Schulfreund und lauter Live-Musik in einem miefigen Keller-Club. Es hat sich so gut angefühlt und ich habe es erst am nächsten Morgen um 7:00 Uhr ein bisschen bereut („Papaaa!“). Aber der Rocker mit dem Schnapsglas ist keine Verkleidung. Der Typ bin ich! Genauso wie der Typ, der sich glücklich durch 60 Minuten Kundalini-Meditation schüttelt/tanzt/sitzt/liegt. Oder seiner Babytochter nachts die Windel wechselt. Das ist keine schizophrene Persönlichkeitsstörung. Das ist mein einziges, wahres Selbst. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu verstehen: Es gab Zeiten, da konnte ich nicht akzeptieren, dass ich all diese Rollen einnehmen und trotzdem ein und dieselbe Persönlichkeit haben kann. Aber hey, ich darf das. Jeder darf das.

 

Zieh deine verdammte Maske ab!

Nicht nur zum Fasching ist es okay, sich zu verkleiden. Wir sollten uns das ganze Jahr über ausprobieren. In neuen Rollen mit neuen Kostümen. Ich war lange Zeit ein rauchender, trinkender Sportmuffel, dann bin ich auf einmal Marathon gelaufen. Und Jahre später zum Yogi mutiert. Und alle so: „Was, warum läuft der jetzt? Und warum macht der jetzt auf einmal Yoga?“ Weil er es will und weil es keinem weh tut. Und es ist gut, dass ich mir eines schönen abends zum ersten Mal das Yogikostüm angezogen und eine Klasse besucht habe. Denn es hat mich verändert und mir geholfen, zu mir selbst zu finden. Nur weil man 35 Jahre lang kein Yoga praktiziert hat, heißt das nicht, dass man kein Yogi sein kann. Oder alles andere. Das Leben ist zu kurz, um nicht ab und zu mal eine neue Maske auszuprobieren. Vielleicht passt sie ja ganz gut, vielleicht auch nicht. Und vielleicht stellt sich in diesem Prozess heraus, dass man jahrelang mit der falschen Maskerade herumgelaufen ist. Wie krass wäre das denn bitte? Also rein in die Kostüme und ab auf die Tanzfläche. Helau und Namaste.

PS: Nächsten Montag ist mein fünfter „Yogageburtstag“ – am 12. Februar 2013 (Faschingsdienstag!) habe ich meine erste Klasse besucht. Ein schöner Tag war das.

Fotos: Liza „I am what I am“ Meinhof

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