Rockstar oder Mäuschen – muss ich als Yogalehrer eine Rampensau sein?

Are? You? Ready?

Auf einmal geht das Licht aus und die Musik wird lauter. Immer lauter und immer schneller wird der Beat – die Menge im Raum ist erfüllt von Vorfreude und positiver Anspannung. Nervös suchen die Blicke der Anwesenden rechts und links die Bühne ab. Wo ist er nur? Bitte erlöse uns endlich! Einige wenige hatten das Glück, sich Plätze in der ersten Reihe zu ergattern. Wobei das mit Glück wenig zu tun hatte: sie waren bereits am Morgen als erstes vor Ort und stürmten in den Saal, sobald die Türen geöffnet wurden. Und jetzt? Jetzt freuen sie sich auf die kommenden 1,5 Stunden, in denen ihr Idol mal wieder eine Show der Extraklasse abliefern wird. Und wer weiß – vielleicht wird ihr Warten heute Abend sogar mit Augenkontakt oder sogar einer kurzen Berührung belohnt! Dann geht es ganz schnell: Die Musik stoppt, die Türe öffnet sich und lässig aber bestimmt betritt er die Bühne. Ein Roadie bringt im Gehen das Headset-Mikrofon an und als er im Scheinwerferkegel die Mitte der Bühne erreicht, bleibt er stehen und schaut nach unten. Die Menge, die eben noch im eigenen Jubel fast erstickt wäre, verstummt. Es ist so still, dass man seinen Atem ganz leicht über das Soundsystem hören kann. Dann hebt er den Blick (diese wunderschönen, klugen und beseelten Augen), bringt die Handflächen vor der Brust zusammen und ruft aus vollem Hals mit seiner unvergleichlichen Stimme in den Raum: „Namaste, Bitches! Findet einen aufrechten Sitz mit gekreuzten Beinen und schließt die Augen.“

Ich hab‘ nichts gemacht.

Nein, ich träume nicht heimlich davon, dass meine Yogaklassen so wie oben beschrieben ablaufen. Auch wenn ich ganz gerne mal die Rampensau mache. Dabei war das bei mir nicht immer so. Es gibt diese eine Geschichte aus meiner Kindergartenzeit, die mein Vater immer wieder gerne erzählt. Jeder hat diese kleinen Geschichten, die die Eltern immer wieder und überall zum Besten geben. Ich gehe bei meinem Nachwuchs in Sachen Peinlichkeit noch einen Schritt weiter und sammle seit Geburt kurze Videos für den 18. Geburtstag, hehe. Aber wie auch immer: In „meiner“ Geschichte geht es um eine kleine Märchenaufführung im Kindergarten, bei der ich mich – anstatt zu performen – unterm Tisch verstecke. Leider erinnere ich mich nicht mehr an diesen Tag (obwohl mein Vater alles gibt, die Erinnerung am Leben zu halten). Aber Fakt ist: Ich war wohl eher das schüchterne Kind. Das hat sich ja – vorsichtig ausgedrückt – im Laufe der Jahr(zehnt)e ein wenig geändert. Ich habe bekanntermaßen kein Problem mehr damit, vor anderen Menschen zu sprechen, zu singen oder zu tanzen. Und irgendwie wurde ich auch zu einem dieser Menschen, die Fotos von sich selbst auf Facebook und Instagram teilen. Like me!

Bühne frei, Yoga an.

Wenn du – wie ich – auf Facebook anderen Yogalehrern folgst, hast du es in den vergangenen Wochen sicherlich mitbekommen: Ein Yogafestival nach dem anderen gibt sein Line-Up bekannt und auch meine Freunde von Wanderlust gehen 2019 wieder in die Vollen. Ich war dieses Jahr auch schon auf der Yogaworld hier in München und habe gerade die Zusage für ein weiteres Yoga-Wochenende bei DAS FEST in Karlsruhe Ende Juli bekommen. Der Tourbus rollt also wieder. Als Musiker, der auch schon mal in einem ganz und gar unyogischen Tourbus unterwegs war, freue ich mich auf den Festival-Sommer. Auf die gute Stimmung, frische Luft, auf Bühnen und Boxen und Mikrofone und natürlich auf möglichst viele Yoginis und Yogis, die auch meine Klassen besuchen. Und auch wenn tatsächlich Yoga praktiziert wird, unterscheidet sich die Praxis auf einem Yoga-Festival doch von einer „richtigen“ Yogaklasse im etwas intimeren Rahmen. Und deshalb kommt sicherlich auch 2019 wieder die Frage auf: Muss Yoga auf der großen Bühne stattfinden? Und außerdem:

Muss man als Yogalehrer eine Rampensau sein?

Eher nicht.

Ein Yogalehrer soll sich um seine SchülerInnen kümmern, nicht um sich selbst. Seine SchülerInnen stehen im Mittelpunkt des Unterrichts und die Asanas und die Ideologie. Der Lehrer ist eigentlich nur eine Art Moderator, der den SchülerInnen Yoga näherbringt und erklärt. Und eine helfende Hand, die in die richtige Richtung schiebt oder zieht oder stützt. Am Ende besucht man eine Klasse, um Yoga zu praktizieren und nicht, um dem Lehrer cool zu finden. Oder?

Auf jeden Fall.

Als Yogalehrer braucht man durchaus Rockstar-Qualitäten: Eine Menschen-„Menge“ muss angesprochen und durchs Programm geführt werden, die Leute wollen sich gesehen und gemocht fühlen. Der Yogalehrer ist auch eine Art Entertainer, der die Stimmung im Raum maßgeblich beeinflusst. Und er muss im Vorfeld schon Werbung für sich selbst und seinen Unterricht machen, dazu gehört nun mal heutzutage auch die Präsenz in den Sozialen Medien. Auch wenn Yoga viel mehr ist als lässige Posen in bunten Leggings. Es ist Teil des Yogalehrerdaseins, sich selbst zu inszenieren um andere zu inspirieren.

Be your own Guru.

Also was jetzt? Muss ich als Yogalehrer nun in jede Kamera lächeln und mir vor dem Unterricht die Nägel lackieren oder nicht? Ich denke: Man muss das selbst entscheiden und leben und leben lassen. Jeder hat ja das Recht, sich so darzustellen, wie er will. Auch Yogalehrer. Manche von uns erreichen ihre Schüler über Ruhe und geheimnisvolle Zurückhaltung, andere erzählen kumpelhaft tolle Geschichten und wieder andere sind besonders laut oder lustig oder wissen einfach alles. Von mir aus kann jeder seine Lücke finden und füllen – so lange er dabei authentisch bleibt und nicht vergisst, worum es wirklich geht. Ich bin die typische Rampensau. Weil ich das ganz gut kann und ich mich dabei fühle wie der bescheuerte 13-jährige, der vor dem Spiegel Luftgitarre spielt. Klar ist aber: Mein Social-Media-Ich ist auch nur ein Teil von mir, so bin ich auch nicht immer. Die anderen Teile triffst du vor Ort im Unterricht, beim Yoga als Schüler, in der Kneipe oder auf dem Kinderspielplatz. Und klar ist auch: Ganz egal, was dein Social-Media-Ich ist – es wird immer jemanden geben, der dich dafür scheiße findet. Also sei einfach du selbst und steh drüber. Wie ein Rockstar eben. Namaste. 

Fotos: Liza „hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ Meinhof