Mein Leben mit Yoga – Im Fußballstadion

Love you Kallsruh.

Ich bin nicht der größte Fußballfan der Welt, aber manchmal gehe ich ganz gerne ins Stadion. Meistens zieht es mich bei diesen Ausflügen ins Karlsruher Wildparkstadion, wobei der Name hier leider Programm ist: Die „Arena“ ist eine Mischung aus Ruine und Großraumurinal und sportliche Highlights hat man hier zuletzt gesehen, als die Love Parade der heiße Scheiß war und ein Handy so groß wie eine Packung Butterkekse. Aber es ist und bleibt mein Heimatverein und mein Herz schlägt nach wie vor für den KSC – einen Club der immerhin Legenden wie Oliver Kahn oder Mehmet Scholl hervorgebracht hat und eine halbe Saison lang erfolglos (Abstieg in Liga 3) von Jogi Löw trainiert wurde. Weil es diese Saison schon wieder eng wird mit dem Verbleib in der Zweitklassigkeit, bin ich zusammen mit meinem Bruder und einem Freund vor zwei Wochen zum Extrem-Derby nach Stuttgart gefahren, um dem Team meine Unterstützung zu zeigen und vielleicht ein kleines Fußballwunder zu erleben.

Wir haben euch was mitgebracht: Hass.

Was ich am Neckar erlebte, war allerdings alles andere als ein Wunder. Es war furchtbar. Auf eine feindselige Atmosphäre hatte ich mich im Vorfeld schon eingestellt, zwischen KSC und VfB herrscht wahrscheinlich schon seit Vereinsgründung eine gut gepflegte Feindschaft. Warum weiß keiner genau, ich nehme das mittlerweile als gegeben hin und habe aus diesem Grund darauf verzichtet, irgendwelche Vereinsfarben zu tragen. Ein kluger Zug, denn unklugerweise haben wir uns eine Haltestelle zu früh aus der S-Bahn spülen lassen und mussten das halbe Stadion umrunden, um zum Gästeblock zu gelangen. Vorbei an etwa 20.000 Stuttgart-Fans. Und schon hier wurde deutlich, dass das mit der Feindschaft zwischen den „Fans“ nichts sportliches oder gar „lustiges“ ist. Da mein Schwäbisch leider (?) nicht besonders authentisch rüberkommt, habe ich also bis zum Erreichen des Auswärtsblocks schön meine badische Klappe gehalten. Doch als wir endlich dort waren, wurde es eigentlich nur noch schlimmer.     

Bengalos bei VfB-KSC

Hooligan’s Holiday.

Schlimmer als das Gepöbel der schwäbischen Stadionbesucher war nämlich das Verhalten der mitgereisten Anhänger „meiner“ Mannschaft. Schon das Polizeiaufgebot vor dem Gästeblock sprach Bände: Hier waren nicht wenige der Betrunkenen auf Krawall aus und nicht wie ich auf einen Fußballnachmittag mit Wurst und Bier. Mit Transparenten und Sprechchören der derberen Sorte komme ich klar, das geht mir einfach an meinem Yogi-Hintern vorbei. Aber das permanente Abbrennen von Pyrotechnik und das Abschießen von Raketen aufs Spielfeld ist mir dann doch zu viel. Und ganz ehrlich, wenn ich auf dicke Arme mache, brauche ich keine Sturmhaube, hinter der ich mich verstecken kann. Damit wirkt man entweder wie ein mexikanischer Ringer oder dieser SM-Sklave, den sie bei „Pulp Fiction“ aus der Kellerkiste lassen.

Mit Fußball hat das leider nichts zu tun.

Auch wenn es Sicherheitskontrollen beim Einlass gab: An diesem Nachmittag hatte die Stadionkurve etwas von Neukölln in der Silvesternacht. Und wie zu erwarten wurde das Spiel wegen der Feuerwerksdarbietung zweimal unter- und am Ende beinahe abgebrochen. Und das hat mich noch mehr geärgert, als die Tatsache, dass mein gehassliebter KSC nicht den Ansatz einer Siegeschance hatte. Denn um Fußball ging es an diesem Tag nicht, es ging einzig und allein um die Selbstdarstellung der Ultras und ihre Machtspielchen gegenüber dem Team, der Vereinsführung und allen anderen Fußballfans. Und da mache ich nicht mehr mit, ins Stadion gehe ich so schnell nicht mehr. Sorry, Kallsruh. Aber nach diesem Fußball-„Erlebnis“ kam ich ins Grübeln. Darf ich das so verurteilen oder verhalte ich mich manchmal auch selbst wie ein Krawallmacher im Fanblock?

Bin ich ein Yoga-Hooligan?

Zwar habe ich bisher in der Yogaklasse noch keine Bengalischen Feuer abgebrannt, aber tief in mir drin war ich zumindest in Gedanken schon mal ein Yoga-Ultra. Wenn man nämlich nicht aufpasst, geht es beim Yoga nicht nur ums Yoga selbst. Wenn man sich über andere Yogis aufregt, statt sie und ihre Eigenheiten zu tolerieren. Wenn man sich mit anderen vergleicht und heimlich besser fühlt, weil man eine Asana besser hinbekommt. Oder wenn man sich total aufs Körperliche fixiert und nicht bereit ist, sich spirituell zu öffnen. Oder aber eine andere Yogatradition belächelt, weil man gefühlt die einzig wahre Richtung praktiziert. Selbstverständlich würde man derart bescheuerte Dinge niemals denken oder gar aussprechen – aber vielleicht, ja ganz vielleicht im Unterbewusstsein schon mal angedacht haben. Und dann ist man – streng genommen – nicht besser als die maskierten Radikalen, die mit aller Kraft versuchen, ein mittelmäßiges Fußballspiel zu sabotieren.

Mein Yoga ist nicht besser als deines.

Bevor die Moralkeule jetzt aber gleich wieder mit voller Wucht auf mich zurückschwingt: Das ist alles natürlich stark übertrieben. Worauf ich wirklich hinaus will ist, dass es beim Yoga um Yoga geht. Und um dich. Um nicht weniger und auch nicht um mehr. Es ist eine Sache zwischen dir und deiner Praxis und dein Yoga kann dir genau das geben, was du von ihm erwartest. Wenn du dich darauf einlässt und konzentrierst. Jeder ist mal genervt von jemandem, nicht mal unsere Lehrer/-innen finden alle Schüler toll. Und natürlich geht es auch darum, schwierige Asanas zu lernen und man darf stolz darauf sein, wenn man sie endlich geknackt hat. Und ja, jeder hat einen Favoriten unter den Traditionen. Aber: Es ist und bleibt eine Reise, die du mit deinem Yoga ganz alleine machst. Selbst wenn du jede Woche in deinem Blog darüber schreibst, was du auf deiner Reise so erlebst: Auf der Matte seid ihr beiden erst mal unter euch und das ist gut so. Namaste.

 

Die Fotos sind wie immer von der wunderbaren Liza-Anneth Meinhof, das Stadionbild habe ich ausnahmsweise selbst gemacht. 🙂

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