Lotus, Schneidersitz & Co. – 5 Asanas, mit denen du beim Yoga auf dem Boden bleibst

Setzen, bitte.

Ich sitze. Mal wieder. Wie eigentlich immer, wenn ich nicht gerade gehe (zum Yoga), stehe (beim Yoga) oder liege (nach dem Yoga). Wenn man mal zusammenrechnet, wieviel Lebenszeit man im Sitzen verbringt, beginnt man, anders zu denken. Über den aufrechten Gang, den eigenen Popo und – in dem Zusammenhang – den Wert einer gut eingesessenen Couchkuhle. Es gibt für alles ausführliche Studien und Produkte und Kursangebote: Richtiges Laufen lernt man z.B. bei Heidi Klum oder im Sportgeschäft bei der Laufanalyse. Den richtigen Popo bekommt man ebenfalls bei Heidi Klum (Hunger) oder im Fitnessstudio (Stepper). Und zur Couchkuhle hat die Girlfriend von Mr. „Durch den Monsun“ Kaulitz sicher auch eine Meinung. Für die hat ihr bisher bloß noch niemand Geld geboten, schätze ich. Darum müssen wir uns, was das Sitzen betrifft, mühsam von frühester Kindheit an alles selbst beibringen. Obwohl wir doch soviel Zeit in der U-Bahn, im Büro, auf Arbeit, in der Kneipe und auf dem Klo sitzen. Sollten sowas nicht besser Profis übernehmen?

Ich hab da mal was vorbereitet.

Na, wer wäre denn ein Profi, der uns was zum Sitzen erzählen könnte? Richtig, natürlich ein Yogalehrer, hehe. Seit einem halben Jahr bin ich Yogaprofi und endlich kann ich mal so richtig klugscheißern. Aaaaaaalso: Es beginnt mit dem Wort „Asana“, das Teil fast aller unserer Yogaübungen ist und übersetzt soviel wie „Sitz“ bedeutet. Die alten Schriften bezeichnen damit zuerst die Fläche, auf der man beim Yoga sitzt und geben als Tipp mit, das diese sauber und ruhig sein sollte, nicht zu hoch und nicht zu tief. Zur eigentlichen Körperhaltung ist aus den frühen Yogazeiten erst mal nichts überliefert, erst später taucht dafür Padmasana (der Lotussitz) auf. Aha. Leider ist es nicht unbedingt jedem Yogi gegeben, mal kurz die eigenen Beine zu einer Brezel zu verknoten (wir kommen später noch dazu). Aber Yoga wäre nicht Yoga, wenn es nicht ein paar richtig schöne Alternativen zum Lotus gäbe:

1. Sukhasana, der Schneidersitz

Wenn ich meine Schüler bitte, sich zu setzen, nehmen die meisten von ihnen automatisch diese Pose ein. Nur wenige Yogis haben Probleme damit, in den Schneidersitz zu gelangen. Genau wie kleine Kinder, Schimpansen und wahrscheinlich sogar die meisten Schneider. Deshalb heißt Sukhasana auch „der einfache Sitz“.

Wie geht das? Hinsetzen, Beine vor dem Körper kreuzen und die Knie seitlich Richtung Boden bringen.

Warum sollte man so sitzen? Weil’s bequem ist.

2. Siddhasana, der vollkommene Sitz

So vollkommen Siddhasana auch sein mag, dieser Sitz hat es in sich. Erstens mal ist es historisch eher so ein Männerding, für Frauen gibt es mit Siddha Yoni Asana eine eigene Variante. Sie können aber problemlos auch die Herrenversion üben. Allerdings ist Siddhasana besonders für Männer potenziell gefährlich, weil man dabei auch mal das Gefühl zwischen den Beinen verlieren kann. Im Interview mit meinem Penis kannst du bei Interesse mehr dazu erfahren.

Wie geht das? Du bringst eine Ferse unter den Punkt zwischen Penis und Anus (Mann) bzw. den hinteren Teil der Vagina (Frau). Die andere Ferse bringst du nun von vorne ans Schambein, beide Füße liegen jetzt mehr oder weniger aufeinander. Je nach deiner Anatomie sind das aber nur ungefähre Angaben, so ähnlich solltest du aber auf deiner Matte zum Sitzen kommen. Wenn die Beine dabei voreinander liegen (wie im Foto), handelt es sich übrigens um die Variante Muktasana.

Warum sollte man so sitzen? Weil es eine wirklich gute Haltung für Meditation und Atemübungen ist.

3. Vajrasana, der Fersensitz

Der Fersensitz gilt als eine Abwandlung von Siddhasana. Weil „Vajra“ der Sanskritbegriff für „Diamant“ ist, heißt diese Haltung auch Diamantsitz. Weil manchen SchülerInnen in Vajrasana die Schienbeine oder Knie schmerzen, kannst du dich dafür auch auf eine gefaltete Decke setzen.

Wie geht das? Setze dich mit den Pobacken auf deine Fersen und lasse Ober- und Unterschenkel einander berühren.

Warum sollte man so sitzen? Vajrasana soll die Verdauung positiv beeinflussen und hat angeblich Einfluss auf den energetischsten Punkt im Körper: Kanda in der Mitte deines Bauchs. Außerdem ist der Fersensitz eine gute Alternative, wenn du (z.B. wegen einer Verletzung) nicht mit gekreuzten Beinen sitzen kannst.

4. Virasana, der Heldensitz

In meinen Yogaklassen gehört Virasana zu den „lauten“ Haltungen. Weil relativ viele SchülerInnen stöhnen oder lachen, wenn ich die Haltung ansage. Und ja, Virasana kann für Anfänger etwas schmerzhaft sein, weil Beine und Fußoberseiten ziemlich stark beansprucht werden. Wenn man den Heldensitz aber mal beherrscht, tut er richtig gut (wenn man intakte Bänder hat). Und bis dahin kannst du dir einfach einen Block unters Gesäß klemmen.

Wie geht das? Komm auf deine Knie und Fußspanne und bring die Knie zueinander. Zehen und Füße zeigen gerade nach hinten, zwischen den Füßen ist gerade genug Platz für den Po. Zieh mit den Daumen die Waden weg von den Kniekehlen und setze dich zwischen deinen Füßen auf den Boden (oder einen Block, s.o.). Lege die Hände auf die Knie und weite den Brustkorb.

Warum sollte man so sitzen? Der Heldensitz gibt Mut, Stärke und Ausdauer und bringt massive Entspannung für die Beine. Außerdem verbessert er die Beweglichkeit von Fuß-, Knie- und Hüftgelenk sowie die Durchblutung von den Beinen abwärts. Angeblich hilft Virasana auch gegen Müdigkeit, das kann ich allerdings nicht wirklich bestätigen.

5. Padmasana, der Lotussitz

Wie anfangs bereits erwähnt, ist der Lotus so etwas wie die ultimative Sitzhaltung im Yoga. Padmasana ist für viele Yogis aber auch die ultimative Herausforderung. Das hat damit zu tun, dass unsere Beine für den aufrechten Gang und nicht das verknotete Sitzen optimiert sind. Ich habe den Lotus wirklich lange und intensiv geübt und er ist meine absolute Lieblingshaltung für die Meditation.

Wie geht das? Setz dich im Schneidersitz auf den Boden (gerne mit dem Po auf einer Unterlage) und bringe mit der Hand den Fußspann des vorderen Beins von oben auf den gegenüberliegenden Oberschenkel. Nun bist du im halben Lotus. Um in den ganzen Lotus zu gelangen, bring nun mit Hilfe deiner Hand den anderen Fußspann auf den freien Oberschenkel. Willkommen im Guru-Modus.

Warum sollte man so sitzen? Padmasana ist perfekt für die Meditation. Du sitzt äußerst stabil und kompakt, die Wirbelsäule kann sich optimal aufrichten. Achte beim Üben von Padmasana aber ganz besonders auf die Signale deines Körpers und geh nur soweit, wie er es ohne Schmerzen zulässt!

Stehst du noch oder sitzt du schon?

Die Sitzhaltungen führen im Yogaunterricht ja immer ein Schattendasein. Alle reden von Hunden und Handständen und Asanas wie der Drehsitz oder die sitzende Vorwärtsbeuge bekommen Szenenapplaus. Dabei verbringen wir (zumindest in meinem Unterricht) mindestens 10 % der Zeit mit Meditieren auf der Matte. Und dafür brauchst du einen guten Sitz, der Stabilität und Ruhe für die Meditation gewährleistet. Allerdings musst du dafür auch keine der oben genannten Haltungen einnehmen. Es lässt sich nämlich auch prima in Asandasana auf einem Stuhl oder auch im Liegen meditieren. Oder eben in einer Sitzposition deiner Wahl. Vielleicht hast du ja schon deine eigene Sitz-Asana erfunden? Bei Heidi Klum gäbe so viel undiszipliniertes Freidenken sicher Ärger, im Yoga ist das aber selbstverständlich erlaubt. Ich mache jetzt auch Feierabend und lehne mich zurück. In „Überhaupt-keine-“ bzw. „Netflix-Asana“ in meiner Couchkuhle. Namaste.

Fotos: Liza „die andere Couchkuhle“ Meinhof