Leben in Berlin – Die Jahre zwischen 30 und 50

Altersmäßig befinde ich mich momentan ziemlich genau in der Mitte zwischen 30 und 50. Nicht mehr jung aber auch noch nicht richtig alt. Und offensichtlich mittendrin in einem unheimlichen Veränderungsprozess. Denn mir ist da etwas aufgefallen.

Was hat dich bloß so ruiniert?

Vor kurzem bin ich hier in Berlin mal wieder eine längere Strecke U-Bahn gefahren und alleine das ist schon erwähnenswert, denn ich fahre eigentlich konsequent alle Strecken innerhalb der Stadt mit dem Rad. Es war früher Abend und mit mir in der Bahn war eine Mischung aus „älteren“ Leuten, die nach Hause fuhren und anderen, jüngeren Leuten, die irgendwo anders hin unterwegs waren. Die jungen Menschen waren typische Berliner unter 30: Hippe Klamotten, hippe Frisuren, im Einzelfall hippe Kopfhörer, wahrscheinlich alle hippe Zugezogene. Jung und frei mit leuchtenden Augen und voller Tatendrang.

Mit im Waggon und im krassen Kontrast zu den Twens waren auch einige Ü50er, wie man sie in Berlin häufig sieht. Die Müdigkeit steht ihnen ins Gesicht geschrieben, sie sehen irgendwie erschöpft und auch ein bisschen desillusioniert aus. Da dachte ich mir: Werden diese jungen Partygeher mit ihrem Optimismus irgendwann auch zu traurigen, grauen U-Bahn-Gesichtern? Und in ich auf dem Weg dahin, auch so zu werden?

Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin

Der typische Berliner zieht mit Anfang 20 in die Hauptstadt. Weil sie die Freiheit suchen. Ich finde, dass man in keiner anderen Deutschen Stadt den Menschen ihre Freiheit so ansehen kann wie in Berlin. Die Freiheit, so zu sein wie man will. Hier kann man anziehen, was man möchte oder auch gleich nackt bleiben. Man kann immer und überall Bier kaufen und trinken. Man kann unter der Woche hart feiern gehen und zwar um 11 Uhr morgens. In Berlin fallen Schwule, Lesben und alles, was es sonst noch gibt, überhaupt nicht auf zwischen den Leuten, die mit sich selbst sprechen und denen, die ihnen zuhören. In Berlin gibt es für jeden etwas und für alles eine Gruppe Menschen, die es gut findet. Deshalb liebe ich Berlin und deshalb kommen so viele junge Menschen aus der ganzen Welt hierher. Und wie gesagt: Sie sind jung und frei und man sieht ihnen ihr Glück an. Sie wollen die Welt (innerhalb des S-Bahn-Rings) erobern, sich selbst verwirklichen, ihr Ding machen und am besten niemals schlafen.

Ist es vielleicht was mit dem Gehirn?
Ist es vielleicht was mit dem Gehirn?

Was passiert da mit mir?

Irgendetwas geschieht mit vielen Menschen innerhalb der 20 Jahre zwischen 30 und 50. Also in meinem Alter. Was hat sich bisher bei mir geändert?

Ich habe Verantwortung

Ich bin seit mehr als 10 Jahren „richtig“ berufstätig (sehen meine Eltern anders), bin verheiratet und habe ein Kind. (Und jetzt auch noch diesen Blog.) Vor allem mit dem Kind kommt natürlich eine Masse an Verantwortung, in der klassischen Rolle als Ernährer aber auch mir selbst gegenüber, ich will noch lange leben und Zeit mit meinem Sohn haben.

Ich habe Stress

Egal, wie viel wir meditieren, wir stehen im Normalfall unter Stress. Familie, Arbeit, Yoga, Blog, Urlaub, Wohnung, Einkauf… So viel zu tun und so wenig Zeit. Mein Yoga hilft mir auf jeden Fall, Ruhe in mein Leben zu bringen und die Dinge positiv anzugehen, aber jeder mit Vollzeitjob weiß, dass ein fieberkrankes Kleinkind dein Stresslevel über Nacht an den Anschlag bringen kann.

Ich bin ein Gewohnheitstier

Jeder ist das wahrscheinlich, auch wenn man es ungern zugibt. Ich gehe meistens ins selbe Yogastudio, ich mag bestimmte Restaurants, bestelle in der Bar Gin Tonic und trinke meinen Kaffee ausschließlich zuhause mit Milch. Es hat ja auch was Positives, wenn man weiß was man will, aber man lernt natürlich auch nur noch wenig Neues kennen. Auch neue Menschen.

Ich werde nicht jünger

Obwohl ich brav Yoga übe, werde auch ich älter. Das Alter kommt langsam aber unaufhaltsam in Form von grauen Barthaaren oder Problemen mit dem Gehör (meine Eltern hatten wegen des Walkmans leider Recht). Und natürlich ist dieses Leben auch irgendwann vorbei, mit Ende 30 beginnt man da zu rechnen.

Am Stress alleine kann's nicht liegen.
Am Stress alleine kann’s nicht liegen.

Macht mich das zum U-Bahn-Zombie?

Zerstört mich der Druck, der mit der Verantwortung kommt? Zermürbt mich der Stress? Lassen die Gewohnheiten mich träge werden oder ist es das Älterwerden an sich das Problem? Ich habe keine Antwort gefunden. Vielleicht liege ich mit meiner Beobachtung auch einfach daneben, aber so klar wie an diesem Abend habe ich es noch nie gesehen. Irgendwie habe ich Angst davor, ich will natürlich immer zu den jungen Menschen mit den leuchtenden Augen gehören, die irgendwo hin unterwegs sind. Andererseits mag ich mein neues Erwachsenenleben mit Frau und Kind und Job auch. Und ich fühle mich bestimmt nicht traurig oder desillusioniert oder ausgelaugt.

Mein Fazit: Mach’s wie Oskar

Oskar, der Bruder meines Großvaters zog 1933 mit 17 Jahren von Baden-Württemberg nach Berlin (mit dem Fahrrad). Ich stelle mir manchmal vor wie dieser Mann, den ich nur als Opi kannte, damals jung und voller Energie und Träume war. Wie die jungen Typen in der U-Bahn zwischen Neukölln und Wedding. Denn er hatte bis zu seinem Tod (er wurde 96 Jahre alt) dieses Leuchten in den Augen. Oskar war immer offen für Neues und irgendwie hat er auch immer gelächelt. Ich glaube, tief in seinem Inneren ist er einfach nie erwachsen geworden. Leider habe ich ihn nie nach seinem Geheimnis gefragt, aber bis ich es herausfinde, probiere ich es mit Yoga.

Namaste.

 

Die Bilder sind von Liza-Anneth Meinhof. Danke 🙂

5 Gedanken zu „Leben in Berlin – Die Jahre zwischen 30 und 50&8220;

  1. Tja das ist so ein Ding mit dem Älter werden.
    Ich sehe es für mich anders. Ich gebe auch Yogakurse und meine Teilnehmer halten mich fit und jung. Und egal wie alt man ist im inneren ist man einfach immer 20. Da kannst du viele 70 iger fragen. Man merkt zwar das der Körper nicht mehr alles so susführen kann wie füher aber jung fühlen sie sich alle. In diesem Sinne bleibe im Herzen und Geist Jung dann brauchst du nichts zu vefürchten. Namaste

  2. „If you suffer it is because of you, if you feel blissful it is because of you.
    Nobody else is responsible – only you and you alone.
    You are your hell and your heaven too.“
    -Osho-
    …mehr braucht man auch nicht zu sagen, lebe danach und das Leuchten in deinen Augen wird nie erlöschen…
    Namasté!

  3. Ich bin 58 und kann dir nur sagen … es liegt an dir neugierig, aufgeweckt und lebendig zu bleiben. Dann verlieren deine Augen auch das Leuchten nicht. Denn es kommt von innen und zeigt die Begeisterung am Leben.
    P.S. Leider wird man trotzdem älter, aber auch im Älterwerden gibts jeden Tag was neues zu entdecken.

  4. Hehe, das Leben und der Tod, bergen doch so einiges an verschiedenen Erfahrungen in sich. Ich selbst bin 53 Jahre alt geworden, vor ein paar Tagen und erwische mich immer öfter dabei, dass ich die Jahre bis zu meiner Rente zähle, sogar in der Meditation schleicht sich dieser Gedanke von ganz tief unten hoch in mein Bewusstsein. Es gibt Tage, da fühle ich mich alt, doch dann kommen Menschen auf mich zu, manchmal sogar aus meiner Yogaklasse und sagen zu mir, ich hätte noch so eine jugendlich, unbeschwert, fröhliche Ausstrahlung. Die meisten schätzen mich ohne hin 5-7 Jahre jünger. Also, so kann es gehen mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Deshalb, tue alles, was du tust mit Liebe, egal in welcher Lebensphase du dich befindest. Und das Wichtigste ist: Let that shit go, Buddha!

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