Extrem-Yoga – Teil 2: Kinderyoga

Vorurteile, Vorurteile

Bis vor wenigen Monaten habe ich mit meiner Familie im veganen Teil Berlin-Neuköllns gelebt, wo Gentrifizierung ja ein Fulltime-Job ist. Aber wenn ich meinen bärtigen, tätowierten Daddy-Freunden dort gesagt hätte, dass ich zum Kinderyoga gehe, hätte man mir glatt die Bierflasche aus der Hand geschlagen und mich des Spielplatzes verwiesen. Denn – sind wir mal ehrlich – sogar ich habe meine Vorurteile gegenüber Yogaklassen für Kindergartenkinder: Meistens fällt dieses Stichwort in einem Satz mit vegetarisch-veganer Biokost und trilingualen Vorschul-Motivationskursen. Nichts, wovon mal als Kapuzenpulli-Daddy unbedingt Teil sein will.

Im Namen der Forschung

Als mich Florian, ein Kinderyogalehrer und -buchautor, anschrieb, ob ich mit meinem Sohn eine seiner Klassen besuchen möchte, war ich innerlich zerrissen: Will ich so was überhaupt sehen? Will unser Junge das? Und was für Leute sind das überhaupt, die ihre Kinder da hinschicken? Allerdings hat mein Kleiner auch viel Spaß am Yoga, wenn ich zuhause übe, will er oft auf seiner eigenen Matte mitmachen. Also gab ich mir – als der unabhängige Blogger, der ich bin – einen Ruck und sagte Florian zu. Wenn Kinderyoga so ist, wie ich es mir vorstelle, kann ich mich wenigstens im Blog drüber auslassen.

Wo zur Hölle bin ich hier?

Als es dann endlich soweit war, holte ich mein Kind früher aus dem Kindergarten ab und wir fuhren direkt nach… Lerchenau. Ich gebe zu, ich war zum ersten Mal in Lerchenau und es sieht dort auf den ersten Blick nicht nach Kinderyoga, sondern nach Sportfesten mit Alkopops und Live-Musik aus. Ungefähr so wie in meiner Heimat. Okay. Nach einem minimal kurzen Fußmarsch von der Haltestelle hatten wir Lucky Yoga (ist im oberen Geschoss eines Wohnhauses) gefunden und wurden eingelassen. Und sehr angenehm überrascht. Trotz der Dachschräge war mehr als genug Platz und im Übungsraum bot ein großes Panoramafenster einen weiten Blick über die Gärten Lerchenaus. Kann man machen.

You never get a second chance for a first impression

Ich hatte Florian, den Kinderyogalehrer, noch nie persönlich getroffen. Daher war es doch etwas lustig, dass er bei unserer ersten Zusammenkunft einen OP-Anzug und eine Vokuhila-Perücke trug. Es war Faschingsdonnerstag und vereinbart, dass alle Kinder kostümiert kommen können. Nach einer kurzen Begrüßung ging ich meinen Sohn und mich umziehen, während die anderen Kinder nach und nach eintrudelten. Als Hexe, Prinzessin, Ninja, Spidermann oder Indianerin. Was ich nicht wusste, war dass bei dieser Kinderyogaklasse die Eltern nicht mitmachen. Also wirkte ich in meinen extra mitgebrachten quietschgrünen Leggings doch etwas lächerlich, zumal ich mir die Matte mit dem einzigen unkostümierten Kind teilte: Meinem Sohn, dem Faschingsmuffel.

Om Shanti

Die Kinderklasse begann mit einem kleinen Kennenlernspiel, was in erster Linie dazu diente, meinen Sohn und mich vorzustellen. Anschließend ging es (wie bei einer „normalen“ Klasse) weiter mit Atembeobachtung, in diesem Fall wurde der „Atemball“ eingesetzt, den man groß und klein „falten“ kann. Ebenfalls ums bewusste Atmen ging es bei einem Spiel, bei dem durch einen Trinkhalm Konfetti angesaugt und von einem Haufen auf einen anderen bewegt wurde (nein, kein Kind hat nach dem Sinn dieser Übung gefragt). Mein absolutes Highlight (und auch das der Kinder) war „Kostüme nachspielen“ und hier hat Florian mich als Lehrer eigentlich am meisten beeindruckt: Die Kinder konnten irgendein Faschingskostüm nennen und er hat es in eine (Fantasie-)Asana übersetzt. Bei Tieren ist das noch relativ leicht, aber Kostüme wie „Dracula“ erfordern dann doch einiges an Improvisationstalent. Nach dieser anstrengenden Sequenz gab es noch eine Runde Yoga-Stop-Tanz (wenn die Musik stoppt, schnell zurück auf die Matte) und ein meditatives Maskenmalen. Das Malen hatte den Vorteil, dass die Kinder wirklich für ein paar Minuten ruhig blieben und etwas runterkamen. Ich auch.

Gegen die Aufmerksamkeitsspanne

Eine Kinderyogaklasse ist ein anderer Planet als alles, was ich bisher an Yoga gesehen habe. Zu allererst: Es waren Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren dort, die sind schon ohne Kostüm ziemlich niedlich. Aber eben auch ziemlich aufgedreht und natürlich megalustig. Kinderyoga ist (in dieser Form) sicher ein schöner Weg für Kinder, sich mit Yoga auseinander zu setzen. Und ganz ehrlich: Es gibt so viele Wege für Kinder sich NICHT zu bewegen, was spricht also gegen eine Stunde in der Woche, wo sie sich körperlich betätigen. Allerhöchsten Respekt habe ich – wie bereits erwähnt – vor dem Lehrer Florian. Der Mann hat nicht nur ständig improvisiert, sondern dabei auch noch in keiner Sekunde die gute Laune verloren. Denn Kinder sind Kinder sind Kinder, sie sind laut und unruhig und albern. Florian hat mir bewiesen, dass er nicht nur ein geiles Faschings- sondern auch ein ziemlich gutes Nervenkostüm hat. Und mir einen wirklich schönen Nachmittag mit Sohn bereitet. Namaste.

 

Hier findet ihr alle Termine von Florian Spraters Kinderyogaklassen und mehr Infos zu seinem Kinderyoga-Mitmachbuch: http://www.govindayoga.de/yoga-fuer-kinder

PS: Weil mir nicht nur die Privatsphäre meines eigenen Kindes sehr wichtig ist, sind im Beitrag keine Fotos aus der Klasse, die ich besucht habe. Die Eltern der hier abgebildeten Kinder haben der Veröffentlichung zugestimmt. 

Fotos: Florian Sprater

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