Was würde Jesus tun – Yoga & Religion

Heiliger Bimbam!

Für alle Hater falle ich am besten mal gleich mit der Türe ins Haus: Ich bin katholisch und daran wird sich so bald auch nichts ändern. Ja, ich weiß: Die Kirchen (besonders die katholische) haben sich in den vergangenen zwei Jahrtausenden nicht unbedingt von ihrer besten Seite gezeigt. Hexenverbrennungen, Missbrauchskandale und das Horten unglaublicher Reichtümer gehören nicht unbedingt zu dem, was man laut ihrer „Geschäftsordnung“ von ihnen erwarten dürfte. Und trotzdem haben die geweihten Männer (!) gewütet und geplündert, was das Zeug hält. Im Namen des Vaters und des Sohne und so, ist klar. Und genau das sind ja auch die Gründe, die von denen genannt werden, die aus der Kirche austreten (in Wirklichkeit wollen die meisten wahrscheinlich nur die Kirchensteuer sparen). In meinem Umfeld sind das gar nicht mal wenige, die sich als Erwachsene dazu entschieden haben, ihrem Glauben ohne Religion nachzugehen. Wie auch immer dieser Glaube am Ende aussehen mag.

Erlösung statt Erleuchtung.

Irgendwie bietet der christliche Glaube für uns Schäfchen auch relativ geringe Entwicklungsmöglichkeiten. Also zumindest im Gegensatz zum Yoga. Während wir mit unserem Geturne und Gesitze auf der Matte nach Erleuchtung streben, bekommen wir für unsere Gebete auf schmerzenden Knien lediglich die Erlösung von unseren Sünden angeboten. Langweilig! Vor allem, weil fast alles, was Spaß macht schon mindestens eine halbe Sünde ist. Und wenn man mal genauer nachfragt, erfährt man, dass das mit der Erlösung auch erstmal nichts wird: Der Erlöser war vor gut 2.000 Jahren schon da und wir (bzw. unsere Vorfahren) haben es massiv verkackt als wir ihn mit Nägeln an ein Holzkreuz genagelt haben. Yogis hingegen haben es ganz einfach, den Pfad der Erleuchtung zu beschreiten. Augen zu und Atmen. Und ein passender Guru mit hilfreichen Anweisungen findet sich ebenfalls an jeder Ecke. Der allerdings kann sich in vielerlei Hinsicht dann doch wieder mit der guten alten Christenkirche messen: Oft ist es nämlich ein reicher alter Mann, der sich im Rolls Royce durch die Gegend fahren lässt, um Minderjährige zu beeindrucken und ins Bett zu bekommen.

Eins, zwei, Dreieinigkeit.

Als Yogalehrer müsste ich eigentlich über jeden, der aus der Kirche austritt, froh sein. Weil er sein Seelenheil irgendwo anders sucht und deshalb vielleicht in meiner nächsten Yogaklasse landet. Als der Junge vom Dorf, der ich aber in Wirklichkeit bin, sehe ich das aber ein bisschen anders. Denn ich hatte Glück und wurde in meinem Leben von drei wunderbaren Geistlichen begleitet: In der Grundschule bekam ich vom örtlichen Pfarrer im Religionsunterricht einen gesunden Satz Werte vermittelt, von dem ich noch heute im Alltag zehre. Später als Teenager dann gab es einen Priester, der mich mit meiner Band im Kirchenkeller üben ließ und ab und zu auf ein Bierchen und tiefgreifende Gespräche in die Probe kam (er ist viel zu früh gestorben und ich vermisse ihn). Und letztendlich noch der junge Karrierepfarrer (Marathonläufer), der unsere kirchliche Trauung und die Taufe unseres Sohnes durch schlaue Gedanken und wohl gewählte Worte bereicherte. Was sie alle drei gemein hatten? Keiner von ihnen hätte mich je dazu aufgefordert, ihn als besseren Menschen zu verehren oder ihm Opfer zu bringen.

Be your own Guru.

Ich sehe mich selbst ja ein bisschen als Yoga-Missionar. Meiner Meinung nach sollte jeder Yoga und Meditation zumindest mal ausprobiert haben. Was das am Ende bei den Menschen auslöst und woran sie dann glauben, ist mir aber herzlich egal. Shiva, Buddha oder Jehova? Mir doch egal, so lange keiner zu Schaden dabei kommt. Wenn es jemanden spirituell weiterbringt, soll er von mir aus auch die Kirche des fliegenden Spaghettimonsters verehren. Aber einen Guru aus Fleisch und Blut braucht es wahrscheinlich nicht einmal dafür. Guru können die meisten nämlich ganz gut auch selbst sein, finde ich. Indem sie nachfragen und nachdenken und vielleicht was Schlaues lesen, was irgendjemand vor ihnen schon notiert hat. 1.000 Yogis auf 1.000 Yogamatten können 1.000 Stunden lang meditieren. Und am Ende mit 1.000 verschiedenen Schlussfolgerungen nach Hause gehen. Das wäre eigentlich am schönsten – die individuelle Teilerleuchtung statt die kollektive Totalerlösung. An der Stelle ist Yoga den christlichen Religionen dann doch ein wenig überlegen.

Mix it, Baby.

Wie heißt es so schön? Die Wahrheit liegt meistens irgendwo in der Mitte. In meinem Fall in der Mitte zwischen dem katholischen Glauben und meiner spirituellen Yogapraxis. Und heute – an Weihnachten – zelebriere ich genau diese Mitte. Mit einer frühen Asanapraxis, etwas Meditation und am Nachmittag dann in der Kirche beim Gottesdienst mit Gebeten und Kommunion. Ich verdammter Freak (haha!). Auch wenn ich nur ein Yogamissionar bin, möchte ich deshalb ausnahmsweise zu einer kleinen Challenge anregen: Die „Rede-doch-mal-mit-Gott-Challenge“. Sprich ein einfaches Gebet. Laut oder leise, lang oder kurz, dankbar oder flehend. Das erfordert einiges an Mut und vor allen Dingen Glauben. Aber es ist besser, jetzt damit anzufangen, als wenn sich auf dem Röntgenbild ein Tumor zeigt. Und ganz unyogisch ist das gar nicht. Wenn ich nachher im Gotteshaus zu der ganzen Litanei noch Turnübungen machen würde, wäre es fast wie eine Yogaklasse. Und vielleicht ist das ja das Zukunftsmodell der Kirchen? Die alten Bänke rauswerfen und den Boden mit bunten Matten auslegen. Dann bekäme man auch endlich ein bisschen mehr für seine Kirchensteuer. Und hätte zumindest was für den Rücken gemacht. Namaste.

Fotos: Liza „Ich bin nicht katholisch!“ Meinhof