Yogadude im Interview – Jay Buchanan, Rival Sons

Der Electric Man.

So lange es Bands wie die Rival Sons gibt, ist der Rock’n’Roll für mich noch lange nicht tot. Wie keine andere Band schafft es das Quartett aus Kalifornien, den Sound der 70er authentisch ins Hier und Jetzt zu beamen. Brettharte Gitarren, kompromisslose Beats und darüber eine Ausnahmestimme, die das Wort „Mittelmaß“ wahrscheinlich nicht mal aussprechen könnte. Wer Jay Buchanan, den Sänger der Rival Sons, live erlebt hat, weiß wie hoch die Latte für Vokalisten in diesem Jahrzehnt hängt. Normalerweise tropft ihm der Schweiß spätestens beim dritten Titel vom ganzen Körper, unter 120% Zielerreichung geht der Typ schon aus Prinzip von keiner Bühne. Würden Led Zeppelin die Position des Sängers noch mal neu ausschreiben – Robert Plant könnte keine Nacht mehr ruhig schlafen. Ja, ich bin ein Fan und stehe dazu. Aber ganz ehrlich: Als ausgebildeter Sänger kann ich ziemlich genau einschätzen, was der Kollege aus Kalifornien da leistet. Und dafür habe ich nicht weniger als tiefste Bewunderung und vollsten Respekt übrig.

 

“Choose your Lord,
Might be the creator,
Might be Jesus,
You know it might be Krishna.“

 

Yoga & Rock’n’Roll.

Als wäre es nicht schon genug, dass Jay Buchanan der Prototyp des Rocksängers ist, hat er auch noch einen ziemlich coolen Style und – tadaaa – praktiziert Yoga. Verdammt, er ist perfekt! Perfekt für mich ist, dass seine Yogi-Identität der perfekte Vorwand ist, ihn für ein Interview zu treffen. Gesagt, getan. Wir verabredeten uns für ein Gespräch vor dem Auftritt der Rival Sons am 4. August beim Poolbar Festival in Feldkirch, Österreich. Und beinahe pünktlich auf die Minuten bat Jay mich nach Backstage und versorget ich mit Kaffee. Beim ersten Small Talk wurde mir sofort klar, dass ich nicht nur ein stimmliches Alphatier vor mir hatte: Jay beeindruckte mich durch geografisches Fachwissen und wusste genau, dass ich etwa zwei Stunden mit dem Auto unterwegs gewesen sein muss, während er in der kommenden Nacht 900 km nach Budapest zurücklegen und deshalb („It’s the law, man!“) einen zweiten Fahrer für den Tourbus engagieren musste. Damit wir in Ruhe über Yoga abnerden konnten, bat mich Jay, mit ihm einen kleinen Spaziergang auf den Gipfel des Hausbergs von Feldkirch zu machen. Eine Bergwanderung mit einem Rockstar? Warum nicht.

„Let’s go for a walk. In our Birkenstocks.“

Hi Jay, du bist Sänger und leidenschaftlicher Yogi. Seit wann praktizierst du Yoga und warum hast du damit angefangen?

Hi. Ich habe als Teenager schon eine Zeit lang Yoga praktiziert und auch Bücher darüber gelesen. Ich habe mich als Schüler viel mit Mystik und Literatur in diese Richtung beschäftigt und das fand ich sehr spannend. Die Bilder dieser alten Yogis in ihren Asanas oder bei den Reinigungsritualen haben ziemlich beeindruckt, diese Typen waren ganz schön extrem.

So richtig regelmäßig praktiziere ich seit ungefähr viereinhalb Jahren. Ich war gestürzt, hatte mich am Rücken verletzt und die Hüfte leicht ausgerenkt. Ein wirklich guter Chiropraktiker konnte mir zum Glück damit helfen, aber eigentlich wollte ich das in Zukunft selbst machen. Mich selbst kümmern, selbst heilen können. Denn man kann sein Körper selbst zumindest gesund halten mit Yoga. Also habe ich angefangen, bei einem befreundete Yogalehrer Hot Yoga-Klassen zu besuchen, jeden Tag. Und ich liebte es.

Du übst jeden Tag?

Ich übe an fünf oder sechs Tagen jede Woche, manchmal gehe ich auch eine Runde laufen.

Wie findest du auf Tour Zeit für deine Yogapraxis?

Auf Tour praktiziere ich immer, da brauche ich meine Praxis am meisten. Ich habe immer einen eigenen kleinen Backstage-Raum, meinen Yoga-Raum. Ich heize den Raum richtig hoch, gehe hinein, mache eine oder anderthalb Stunden Asana-Praxis und powere mich so richtig aus. Und ich nehme mir Zeit dafür. Man hat immer Zeit für Dinge, man muss sie sich nur nehmen. Es ist wichtig, dass man sich Zeit für schöne Dinge nimmt: Ein Spaziergang, eine nette Unterhaltung, eine Tasse Kaffee. Man nimmt sich Zeit, diese Dinge zu tun. In meinem Leben gibt es so viel Hektik und Druck und so viele Menschen, jeder mit ihrem eigenen Ego. Wenn man sich keine Zeit nimmt, sich um sich selbst zu kümmern, wird die Welt sich auch nicht um dich kümmern. Niemand wird kommen und sich um dich kümmern, wenn du es selbst nicht auch machst. Also übe ich Yoga oder gehe laufen als eine Art Meditation. Damit ich geduldiger sein und mich besser konzentrieren kann.

„I’m an electric man.“

Du übst alleine auf Tour? Oder gehst du auch mal ein Yogastudio?

Wenn ich nicht in einer Yogaklasse bin, praktiziere ich am liebsten allein. Dann gibt es keine Ablenkungen, die mich davon abhalten, mich mit meinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Es gibt dann nur mich und meinen Körper. Und ich muss mich mit meinem Bewusstsein auseinander setzen um den Lärm auszublenden, die Stimmen in mir drin zum Schweigen zu bringen und einfach Stille einkehren zu lassen. Wenn jemand aus der Band oder der Crew mit mir Yoga praktizieren möchte, sage ich natürlich ja, denn ich will, dass sie sich fit halten. Aber sobald zwei Leute in einem Raum sind und man will Yoga üben… Also ich bin nicht „Zen“ genug, um alles um mich herum auszublenden. Ich will dann helfen und assistieren oder ich halte eine Asana etwas intensiver als ich es alleine tun würde. Jeder will ein Super-Yogi sein, wenn andere dabei sind. Aber eigentlich will ich mich darauf konzentrieren, besser als ich selbst zu sein und brauche meinen eigenen Raum dafür. Ich brauche die Ruhe, die Stille, ich bin beim Yoga lieber alleine. Außer es handelt sich um eine Klasse, wo ich anonym bin. Und auch das liebe ich, ich gehe auch auf Tour in Yogastudios. Meistens besuche ich dann Bikram Yoga-Klassen. Da weiß ich, was ich bekomme: Es wird richtig heiß und ich weiß genau, wie lange es dauert.

Gab es auch schon schlechte Erfahrungen in Yogastudios?

Oh ja, es gibt diese Klassen, die fast wie Aerobic Yoga sind. Power Yoga. Alles ist super schnell, man macht eine Asana und hat kaum Zeit, einmal richtig zu atmen. Schon geht es mit der nächsten Haltung weiter und es gibt dort diese Motivations-Gurus, die dich ständig anbrüllen. Da denke ich mir: Was zur Hölle? Ich versuche hier, Yoga zu praktizieren, mich zu konzentrieren!

 

„Enjoy it right now,
Because you never know,
When it’s gonna end.“

 

Welches ist deine bevorzugte Yoga-Tradition?

Es gibt verschiedene Yoga-Traditionen und Stile und ich mag sie alle. Ich mag eine ausgewogene Mischung aus stehenden Balance-Haltungen, Umkehrhaltungen und einem guten Flow. Ich liebe die 26 Bikram-Asanas, eine tolle Sequenz. Aber es ist auch ein bisschen limitiert, was die Umkehrhaltungen betrifft. Und ich brauche das, schon um meinen Rücken zu entspannen. Ich liebe die Hitze und den Schweiß beim Bikram Yoga Wenn ich nur Bikram übe, werde ich nach einer Woche im Rücken verspannt. Ich brauche meine Updogs und Downdogs und die Umkehrhaltungen. Manchmal muss ich zum Chiropraktiker, weil ich mir Rippen ausrenke. Beim Singen! Ich konnte das selbst nicht glauben, aber das kann passieren. Also probiere ich viel Vinyasa oder auch mal Ashtanga-Sachen aus, um das flexibler zu bleiben. Aber es gibt so viele Haltungen, die ich einfach noch nicht gemeistert habe. Man muss eben geduldig sein und an sich arbeiten und Neues ausprobieren.

Hörst du beim Yoga Musik?

Nein, eigentlich nicht. Aber Musik ist manchmal okay in der Klasse, wenn es „Ambient“ ist. Ich mag nicht, wenn da ein Beat dabei ist. Manchmal geht man ins Yogastudio und sie haben Elektronische Musik laufen mit einer fetten Bassdrum. Das irritiert mich dann in meinem eigenen Rhythmus, ich will das nicht.

Immer mit auf Tour: Die Yogamatte.

Kennst du andere Profimusiker, die Yoga praktizieren?

Ja, viele andere Musiker praktizieren Yoga und das ist gut so. Denn ich finde, dass Musiker im Allgemeinen sich nicht genug bewegen. Ich meine, man könnte einfach im Fitnessstudio etwas Rad fahren, das ist doch das einfachste. Oder spazieren gehen. Aber Musiker mit dem ganzen Party-Lifestyle und dem Trinken, Rauchen, Drogen und was auch immer – viele denken, das ist Teil ihres Jobs. Der menschliche Körper ist eine wunderbare Maschine, aber die Leute nutzen ihn einfach nicht für die Dinge, für die er gemacht ist. Wenn du ein Smartphone hast, ist es dasselbe: Du kannst damit Kalender organisieren, GPS-Navigation benutzen, Musik aufnehmen, Sprachen übersetzen… du kannst jeden verdammten Song abspielen, der jemals aufgenommen wurde. Du kannst alles mit diesem Gerät machen. Aber viele Leute benutzen ihr Smartphone nur für Facebook und SMS. Und sie benutzen ihren Körper zum Essen, Schlafen, für Geschlechtsverkehr und um betrunken sein. Aber das ist bescheuert, der Körper kann fantastische Dinge tun: Er kann sich selbst heilen, kann andere Menschen heilen und Probleme lösen und du kannst damit herauskriegen, wer du bist und wie du dein Leben besser machen kannst. Und das Leben anderer. Wir als Musiker können denken, wir sind cool wie noch was. Aber am Ende des Tages bist du als Musiker ein Diener. Denn jeder Musiker kann denken, er hat die Macht und er ist der große Künstler. Aber eigentlich bietest du eine Dienstleistung an, die Leute in ihrem Leben haben wollen, um glücklich zu sein. Man ist ein Diener und das ist sehr wichtig. Und Yoga hilft mir dabei.

 

„One day my prayers are gonna be answered,
For so long I been hungry for something else,
Where there’s a will and there’s a way,
I work hard ‚cause at the end of the day,
The Lord helps those who help themselves.“

 

In Deutschland sind männliche Yogis noch immer eine Minderheit. Wie ist das in den USA?

Oh ja, das kenne ich. Ich kenne so viele Leute, die zum Boxen gehen oder so und die fragen mich: Was machst du, um in Form zu bleiben? Mein Job ist körperlich sehr fordern, so zu singen, wie ich es mache, es ist wie ein 90 Minuten Workout jeden Abend. Also sage ich den Leuten, dass ich fast täglich Yoga praktiziere. Und alle so: Yoga? Das kann ich nicht machen, das ist was für Mädchen. Und dann fragt man, ob sie es je probiert haben und natürlich hat keiner von denen das schon mal gemacht. Das ist als ob man einem Footballspieler sagt, er solle Ballettstunden nehmen und sich vegan ernähren. Ich rede mit Leuten über Yoga und die haben keine Ahnung, was das ist. Und das ist okay, es ist nicht mein Job, den Horizont anderer zu erweitern. Also ja, diese Wahrnehmung gibt es noch immer. Es ist anders in den Staaten, ganz besonders in Kalifornien. Oder wenn du ein Künstler bist, dann machst du sowieso andere Dinge. Du praktizierst Yoga? Na klar. Vegetarier? Logisch. Und das ist in Ordnung für mich.

Hilft dir Yoga bei deiner Arbeit als Sänger? Zum Beispiel beim Atmen?

Das ist ein wirklich wichtiger Punkt, denn damit kämpfe ich noch immer. Wenn du mich später auf der Bühne siehst, wirst du feststellen, dass mein ganzer Bauch voll mit Luft ist, wie ein großes Akkordeon oder so. Beim Singen hängt alles vom Zwerchfell ab, du atmest in deinen Bauch. Und als ich mit Yoga anfing, hieß es auf einmal: Atme in deine Brust. Und ich dachte nur: Das geht nicht. Oder es gibt Asanas, wo man sich zusammenrollt oder so, also die Kindshaltung oder stehende Vorwärtsbeugen, und ich denke: Ich hab keinen Raum zum Atmen. Also damit kämpfe ich noch, aber es ist auch gut für mich, daran zu arbeiten, denn wenn ich meinen Bauch nicht zum Atmen benutzen darf, bin ich gezwungen, andere Bereiche zu aktivieren. Und durch das Atmen in die Brust kultiviere ich eine gewisse Disziplin, dir mir beim Singen hilfreich ist, weil ich mich mehr auf meinen Brustbereich verlassen und diesen Bereich auch besser entspannen kann. Das ist als Sänger super hilfreich.

Achtung, laut: Jay Buchanan live on stage.

Beeinflusst Yoga deine Kreativität?

Yoga beeinflusst seht stark, wie die Dinge miteinander verbunden sind, wie sie interagieren in meinem Körper. Yoga lässt meinen kleinen Finger mit meiner großen Zehe kommunizieren, es lässt mich Energie in jeden Bereich meines Körpers schicken und den Körper verstehen, ihn lesen. Beim Yoga lehre ich meinen Körper, mit sich selbst zu kommunizieren und mit der Praxis mache ich die Bahn dafür frei. Also: Beeinflusst Yoga meine Kreativität? Ich kann nicht sagen, welchen Einfluss genau Yoga darauf hat. Aber: Wie könnte es meine Kreativität NICHT beeinflussen? Wie sollte dieser Teil meines Verstands losgelöst sein vom Rest? Yoga beeinflusst alles, also auch meine Kreativität.

Hat Yoga dich verändert?

Ich praktiziere fast jeden Tag Yoga und ich ernähre mich vegan. Allerdings hat das mit dem vegan essen wenig mit Überzeugung zu tun. Ich mache das, weil ich es einfach mag. Wenn ich Lust auf ein Steak hätte, würde ich eines essen, keine Frage. Habe ich aber nicht.

Und in mir drin kann ich nach Jahren der Yogapraxis leider noch immer nicht sagen, dass irgendwas Sinn macht. Denn je mehr ich glaube zu wissen, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß. Das Leben ist schon komisch. Es ist, also ob du auf Eisschollen gehst, so wie am Nordpol, wo alles ständig in Bewegung ist. Und jedes Mal, wenn du glaubst, deinen Pfad zu sehen, drehst du dich um und alles ist wieder anders. So ist das Leben, es ist ein phantastisches, nie endendes Mysterium. Ich liebe es.

 

Fotos: Yogadude

4 Gedanken zu „Yogadude im Interview – Jay Buchanan, Rival Sons&8220;

  1. Jay habe ich vor mehr als zwei Jahren das erste mal gesehen. Es dauerte nicht 5 Minuten und ich wusste, dass da ein sehr Tiefgründiger, Bewusster und Präsenter Mann vor mir auf der Bühne stand.
    Wow… und die Musik, seine Stimme hat mich voll gepackt. Im Februar sah ich ihn wieder in Zürich und vor zwei Tagen in Avenches. Der Mann fasziniert mich total. Nach dem Konzert traf ich ihn per Zufall vor dem Tourbus. Ich sprach ihn an und bedankte mich bei ihm. Ohne zu zögern, wechselte er seine Richtung kam auf mich zu und umarmte mich. Kann es immer noch nicht fassen und jetzt lese ich diese Interviews. Einfach wunderbar. Danke für diese Zeilen.

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