Yogadude in der Haltung des Kindes

FOREVER YOUNG – WARUM ES GUT IST, KIND ZU BLEIBEN

Wenn man ein Kind ist, will man unbedingt „groß“ werden und erwachsen sein. Weil man Sachen machen will, die Kinder eigentlich nicht dürfen. Ich spreche von uneingeschränktem Fernsehkonsum, Spielen mit dem Essen oder vom Badewanne fluten. Auch eigenes Geld (für Süßigkeiten oder Lego-Star-Wars) verdienen, Knutschen und Auto fahren scheinen äußerst erstrebenswert. Und natürlich nicht zu vergessen, sich endlich gegen den fiesen Typen aus der achten Klasse wehren, der einen Kopf größer ist und einen ständig vermöbeln will. Und, und, und.

Erst wenn man dann erwachsen ist, sieht man, was man eigentlich angerichtet hat. Denn es hat so viele Vorteile, ein Kind zu sein: Man muss nicht arbeiten. Der größte Stress ist die Schule, wo man halbtags (!) mit seinen Freunden zusammen nichts macht außer zuhören (oder wenigstens so zu tun als ob). Arbeiten geht man dann frühestens mit 15, davor ist das sogar gesetzlich verboten.

Außerdem ist man als Kind total ungehemmt. Wo sich der Erwachsene ständig Sorgen über die Meinung anderer macht, ist das Kind schon mittendrin. Einfach ausprobieren, einfach machen – ein Traum. Im gleichen (Ujjayi-)Atemzug zu nennen ist die wohl beste Eigenschaft von Kindern: Ihre schonungslose Ehrlichkeit. Kinder würden dich nie belügen, was dein Körpergewicht, dein Outfit, deine Gesangs- oder Kochkünste betrifft. Würden wir das alle so machen, wären wir sicherlich glücklicher (aber geschieden).

Kinder können sich zudem über die kleinsten Dinge unendlich freuen. Auf dem T-Shirt ist ein Löwe? Hammer! Das Auto ist blau? Krass! Mama kommt von der Arbeit nach Hause? Mach ein Fass Milch auf! Wer schon mal in Berlin U-Bahn gefahren ist, weiß, dass Lebensfreude eine knappe Währung in der Erwachsenenwelt ist, in der wir leben. Kinder haben Tonnen davon. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum wir zumindest ein Stück weit Kind bleiben sollten.

Spielzeug

 

Kinder sind kreative Genies

Vor kurzem habe ich einen interessanten Vortrag gehört, es ging um Divergentes Denken. Divergentes Denken ist – vereinfacht gesagt – die Fähigkeit, sich offen, unsystematisch und experimentierfreudig mit einem Thema oder Problem zu beschäftigen. Wer divergent denkt, kann viele mögliche Antworten auf eine Frage geben. Der Begriff wurde vom amerikanischen Persönlichkeits- und Intelligenzforscher Joy Paul Guilford geprägt, der damit ein Gegenstück zum so genannten konvergenten Denken beschreibt. Damit ist das „gewöhnliche“ Denken gemeint, also linear, streng rational und logisch. Divergentes Denken lässt sich in gewisser Hinsicht als Voraussetzung für Kreativität betrachten, weil diese Art der Problemlösung vertraute Pfade verlässt und zu neuen Ansätzen führt.

In einer groß angelegten Studie (Breakpoint and Beayound von George Land und Beth Jarman, veröffentlicht 1993) wurden mehr als 1.500 Menschen über 18 Jahre hinweg hinsichtlich Divergentem Denken untersucht. Ab einer gewissen Punktzahl galt man in der Studie als „Genie“ im Divergenten Denken, woraus man eine hohe Kreativität der Testperson ableiten kann. Die Ergebnisse sprechen für sich:

98% der drei- bis fünf-jährigen erreichten 1968 das Genie-Level.

73% derselben Kinder galten fünf Jahre später noch als Genies im Divergenten Denken.

10% der Testpersonen waren im Alter von 13 bis 15 Jahren noch auf diesem Niveau.

Nur noch 2% der mittlerweile 25 oder mehr Jahre alten Menschen waren noch Genies.

Diese Zahlen sind überraschend und geben zu denken. Innerhalb von 20 Jahren werden wir von kreativen Genies zu Robotern. Unsere blühende Phantasie weicht dem Denken nach „Schema F“. Unser Spieltrieb beschränkt sich auf ein Minimum. Viele schieben diese Entwicklung auf das 200 Jahre alte Bildungssystem, das darauf ausgerichtet ist, leistungsfähige Fabrikarbeiter zu erziehen. In der Schule gibt es auf jede Frage genau eine richtige Antwort, Kreativität hat allenfalls im Kunstunterricht Platz. Dabei sind so viele andere Bereiche auf kreatives Denken angewiesen: Ingenieure, Mathematiker und Ärzte stehen ständig neuen Herausforderungen gegenüber, die nur mit kreativen Ansätzen gemeistert werden können.

Teddy auf der Yogamatte

 

Und was hat das jetzt mit Yoga zu tun?

In dem Vortrag, den ich gehört habe, wurde empfohlen, sich wie ein Kind zu verhalten, um Divergentes Denken zu fördern:

1. Den Fokus verlieren

Kinder sind ständig unkonzentriert, ihre Aufmerksamkeitsspanne ist minimal. Das hilft ihnen, Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wir sollten uns also bewusst ablenken, statt uns verbissen auf einen Aspekt des Problems zu konzentrieren. Yoga kann uns dabei helfen, denn beim Yoga lernen wir loszulassen und unseren Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich habe bereits vor einigen Wochen dazu geschrieben.

2. Spielen

Spielen ist die Art und Weise, wie Kinder ihren Kopf trainieren. Sie probieren aus, sie erfinden Dinge, sie sind bewusst nicht mit vollem Ernst bei irgendeiner Sache. Auch beim Yoga spielen wir immer wieder, wir probieren neue Asanas aus, erfinden Varianten oder üben mit Hilfsmitteln wie Gurten, Klötzen oder Klappstühlen.

3. Schwitzen

Kinder hören erst auf zu toben, wenn sie müde umfallen. (Manchmal hören sie angeblich auf, wenn man sie bittet.) Sie können nichts in normaler Intensität tun, sie rennen, springen, schreien und schwitzen in einer Tour. Und viele kreative Menschen sagen, dass ihnen körperliche Betätigung beim kreativen Denken hilft. Albert Einstein gab zum Beispiel zu, dass ihm die Relativitätstheorie eingefallen ist, während er Fahrrad fuhr. Beim Yoga hatte ich noch keine annähernd so guten Einfälle, ich schwitze allerdings Nobelpreis-verdächtig.

Man mag vom Divergenten Denken halten, was man will – ich halte es für einen sehr interessanten Ansatz, durch kindliches Verhalten kreativ zu bleiben. Und wenn ich bei komplizierten Asanas im Yoga mal nicht mehr weiterkomme, mache ich auch schon immer instinktiv das Richtige: Die Haltung des Kindes. Namaste.

Ein Gedanke zu „FOREVER YOUNG – WARUM ES GUT IST, KIND ZU BLEIBEN

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