Hilfe, ich bin anders – dein Körper und dein Yoga

Das schick‘ ich aber zurück!

Kennst du das? Du hast online ungefähr 20 Hosen bestellt, aber offline sehen sie (an dir) alle irgendwie nicht so aus wie auf dem Foto im Internet? Mir ist das schon oft passiert, deshalb kaufe ich meine „normalen“ Klamotten fast nur noch im Laden. Denn scheinbar haben die Models der Online-Shop-Betreiber ganz andere Maße als ich. Und deshalb sitzt die neue Jeans bei mir vielleicht am Popo noch ganz gut, dafür zwickt sie aber an den Knien und die Hosenbeine sind so lang, dass ich sie mindestens dreimal umkrempeln muss. Aber nur auf einer Seite! WTF??? Ich gehöre nicht zu denen, die das Einkaufen im Internet verteufeln, als berufstätiger Familienvater bin ich oft ganz froh, dass ich nicht wegen jeder Kleinigkeit am Samstag mit der ganzen Rasselbande zum Shoppen fahren muss. Aber eine Jeans ist meiner Meinung nach eine ernste Sache – immerhin verbringe ich relativ viel Zeit mit meinen Klamotten.

Alles nur Mittelmaß.

Ich weiß nicht besonders viel über die Modebranche. Aber ich weiß, dass Klamotten in erster Linie für Menschen gemacht werden, die es so eigentlich gar nicht geben kann (Faustregel nach H. Klum: ca. 20 Mal höher als breit). Für uns Normalos gibt es dann zum Glück noch die anderen Größen. M zum Beispiel, Medium. Was auch immer das bedeutet, denn wie groß ist mittelgroß eigentlich? Ich habe nachgeschaut: Bei Damen wird die Größe M für einen Hüftumfang von 98 bis 104 cm vergeben. Da kann es schon mal locker schlackern, wenn man die 98 hat oder spannen, wenn man sich am oberen Ende des Intervalls bewegt (bzw. bewegen will). Außerdem fällt das – je nach Material – noch anders aus oder schrumpft beim Waschen oder ist elastisch oder starr oder was weiß ich denn noch. Fakt ist: Konfektionsgrößen sind ein bisschen Vodoo und gezwungenermaßen eine Verallgemeinerung. Und die macht natürlich Sinn – ich würde bestimmt auch durchdrehen, wenn es Jeans in 50 verschiedenen Größen gäbe.

Okay, dann lass ich das halt.

Klamotten von der Stange (Welche Menschen kaufen sich auf Maß gefertigte Unterhosen?) passen uns also nur so ungefähr. Einzige Ausnahme: Leggings. Aber – jetzt kommt schon die nächste Enttäuschung – auch die Asanas beim Yoga können wir nicht exakt so nachturnen, wie andere Menschen sie uns vormachen. Ich habe lange gedacht, das liegt an mir und meiner mangelnden Bereitschaft, noch mehr zu üben. Aber spätestens seit ich meine Yogalehrerausbildung begonnen habe, ist es gleichermaßen offiziell wie ernüchternd: Manche Haltungen werde ich wohl nie „perfekt“ praktizieren können. Sorry, Instagram. Und das ist nicht (nur), weil ich die Schmerzen nicht ertragen würde, sondern in erster Linie, weil mein Körper das einfach nicht hergibt. Ich kann noch so fest an meinen Gliedmaßen herumreißen: Sobald z.B. ein Knochen auf einen Knochen trifft, gibt es nicht mehr viel zu dehnen. Autsch.

Ich glaube, es ist der Blinddarm.

Weil ich nicht zuletzt als Yogalehrer in Sachen Anatomie Bescheid wissen sollte, habe ich diese Woche begonnen, ein schlaues Buch zu lesen. Es heißt Dein Körper – dein Yoga und wurde von Bernie Clark geschrieben, der seit 20 Jahren Yin Yoga unterrichtet. Auf fast 300 Seiten untermauert der gute Bernie die These, dass jeder Körper einzigartig ist und die Ausrichtung der Asanas deshalb ebenfalls individuell erfolgen muss. Das Buch ist nicht unbedingt leichte Kost für Anfänger wie mich. Mich haben aber vor allem die plakativen Fakten begeistert, mit der der Autor arbeitet: In einer Abbildung wird beispielsweise die tatsächliche Lage des entzündeten Blinddarms bei verschiedenen Patienten gezeigt. (Kleiner Spoiler: Er kann im Prinzip fast überall sein, also aufpassen!) Oder die Tatsache, dass der Oberschenkelhalsknochen im Laufe des Lebens seinen Winkel um schlappe 40 Grad verändern kann. 40 Grad! Kein Wunder ist das Baby schon längst happy, während ich noch immer verzweifelt versuche, nach meinen Zehen zu greifen. Allerdings ist „Dein Körper – dein Yoga“ an manchen Stellen auch mit Vorsicht zu genießen: Bernie Clark rät zum Beispiel in bestimmten Fällen auch bei Verletzungen zu üben und hält die Kompression der Wirbelsäule nicht in jedem Fall für eine schlechte Sache. Schwierig.

Du bist das Ideal.

Wir sehen alle unterschiedlich aus. Und in uns drinnen sind wir auch alle verschieden. Was wir denken. Was wir fühlen. Aber auch körperlich sind wir in unserem Inneren alles Unikate. Jeder Blinddarm sitzt woanders, jeder Oberschenkelhals hat einen anderen Winkel. Deshalb ist es genau so unwahrscheinlich, dass du eine Asana so ausführst wie die Person neben dir. So unwahrscheinlich wie die Chance, dass die Jeans einer anderen Person perfekt zu deinem Hintern passt. In einer Yogaklasse mit 20 Schülern wird man 20 verschiedene Hunde, Kobras, Krähen und Heuschrecken sehen. Und das liegt nicht daran, dass manche Yogis fleißiger oder „besser“ sind als andere. Jeder Yogi(-körper) ist einzigartig und braucht seine individuelle Praxis und – wichtig für uns Lehrer! – seinen individuellen Assist. Alle sind anders und damit sind wir Yogis doch irgendwie wieder alle gleich. Manche von uns sind netter, entspannter, verrückter, bunter, lauter oder leiser. Wieder andere sind schwuler, unberechenbarer oder näher am Wasser gebaut. Unser Anderssein macht einen wichtigen Teil von uns aus. Also bitte: Lasst uns stolz darauf sein. Und lasst uns unseren Körpern die Möglichkeit geben, ihr eigenes Ding zu machen. Namaste.

PS: Der riva Verlag hat mit netterweise ein Exemplar des Buchs Dein Körper – dein Yoga für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt. Damit ist dieser Beitrag per Definition auch Werbung.

Fotos: Liza „kann-man-nicht-kopieren“ Meinhof

Ein Gedanke zu „Hilfe, ich bin anders – dein Körper und dein Yoga

  1. Ich bin zwar nicht oft hier, aber ich mag deine Beiträge sehr.

    Ich habe gerade mit Yoga gestartet und mich nicht zu vergleichen fällt mir wirklich schwer. Aus dem Grund habe ich auch lange nicht gestartet, ich hatte angst nicht so perfekt wie die anderen zu sein.
    Aber eigentlich, in der Klasse selber, sind alle gleich, jeder anders und doch gleich.
    Es gibt kein „oh der macht das aber besser“.

    Meinen Yoga-Weg würde ich trotzdem noch nicht mit Menschen teilen, aus Angst vor negativer Kritik.

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