Das Yogawort zum Sonntag – Yogtoberfest

Om’zapft is!

Es ist wieder soweit. Seit gestern ist ganz München wieder ein gigantischer Junggesellenabschied. Bis zum 3. Oktober pilgern ca. 6 Millionen Durstige aus aller Welt nach Bayern, um in gigantischen Zelten alle Hemmungen und einen Großteil ihrer Würde zu verlieren. Wer in den Genuss von überteuertem Essen und schlecht gezapftem Bier bei unerträglicher Musik gelangen möchte, betreibt teilweise immensen Aufwand: Mit Begeisterung werden Flüge und Hotelzimmer zu Mondpreisen gebucht, Tischreservierungen handelt man auf dem Schwarzmarkt zum Gegenwert einer Spenderleber. Wer ohne Reservierung in eines der Bierzelte gelangen möchte, sollte hart im Nehmen sein: Wiesn-Profis stehen schon ab 6:00 in der Frühe vor den Eingängen Schlange – nicht mal ein neues iPhone löst derartige Begehrlichkeiten aus. Sorry, Steve. Und Sorry, Berghain: Die „härteste Tür der Republik“ öffnet sich nicht zum Elektrodrogendarkroomparadies in Berlin, sondern zum Paulanerspatenlöwenbierzelt im schönen Freistaat. Prost.

Mia san mia.

München ist – für mich als Zugezogenen – noch immer eine verwirrende Stadt. Law and Order dominieren den Alltag, Sauberkeit und öffentliche Ordnung gehören zu den ersten Bürgerpflichten. Aber während der zwei magischen Wochen Ende September verwandelt sich die Stadt in einen Moloch von Ost-Berliner Ausmaßen. Überall liegen Bewusstlose, die öffentlichen Verkehrsmittel riechen nach Körperflüssigkeiten und schon am Vormittag tanzen tausende junge Männer in knallengen Leder-Shorts extatisch zu bizarren Klängen. Also nochmal: Sorry, Berghain. Dabei war die Wiesn ursprünglich nicht als „Betreutes Trinken“ geplant. Zu Ehren der Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese am 12. Oktober 1810 fand unter anderem ein Pferderennen statt, das sich später zum weltbekannten Druckbetankungs-Event entwickeln sollte. Und ich dachte, meine eigene Hochzeitsfeier wäre außer Kontrolle geraten.

Weniger Yoga geht nicht.

Nüchtern betrachtet ist das Oktoberfest so ungefähr das Gegenteil von Yoga. Achtsamkeit wird gegen den Rausch eingetauscht, Respekt gegenüber des eigenen Körpers gegen Kampftrinken und echte Gefühle oder wichtige Gedanken gehen in der omnipräsenten Party-Blasmusik sowieso unter. Ziel des Tages: Vollsuff und Geschlechtsverkehr. Häufig endet das (bei Männern) aber in Bewusstlosigkeit und exzessivem Erbrechen, was bei den feschen Drindlträgerinnen meistens nicht ganz so aphrodisierend ankommt. Wer vegan lebt, um Tierleben zu retten, wird auf der Wiesn Suizidgedanken bekommen. Tote Tiere bestimmen die Speisekarten, und für die Leserhosen der Festbesucher mussten sich ebenfalls einige Herden in Richtung Wiedergeburt verabschieden. Sodom, Gomorrha und seine Mutter – was ist nur mit den Leuten los?

Wir sehen uns auf der Bierbank.

Seit meinem letzten Oktoberfestbesuch sind schon einige Jahre vergangen und ehrlich gesagt bin ich etwas skeptisch, was das Thema betrifft. Als Neu-Münchner werde ich der Sache dieses Jahr mal aber wieder eine Chance geben. Mit Frau und Kindern. Denn sooo wenig Yoga ist es am Ende ja doch nicht: Es geht – wie auf Mallotze – am Ende nicht nur ums Saufen. Es geht auch um Gemeinsamkeit, um Zeit mit Freunden. Und um Lachen und Tanzen und eine Auszeit vom Alltag. Im Gegensatz zu Yoga ist die Wiesn außerdem äußerst kinderfreundlich: Außer den Biertempeln gibt es ja ganz viele Fahrgeschäfte, Lebkuchenherzen und einige wenige lebendige Tiere zu sehen (die zugegebenermaßen die tonnenschweren Bierkutschen ziehen müssen). Wenn es dann doch eine Mass zu viel wird, spüre ich das am nächsten Morgen auf der Matte ganz bestimmt. Und vielleicht bereue ich es dann. Vielleicht aber auch nicht. Namaste.

Fotos von Liza „Resi“ Meinhof.