Das Yogawort zum Sonntag – Schau nicht weg

Welcome to Hell.

Diese Woche war die Perle Hamburg mal wieder im Ausnahmezustand. In der schmucken Hafenstadt kamen die 20 (sich selbst wohl am wichtigsten nehmenden) wichtigen Menschen der Welt zusammen, um die wichtigsten Dinge der Welt zu klären. Also die aus Sicht der 20 reichsten Länder der Welt wichtigsten Dinge. Noch wichtiger als die 20 Wichtel und ihre vermeintlichen Wichtigkeiten waren den Medien aber offensichtlich die Proteste und Krawalle „am Rande“ des Top 20-Clubtreffen. Egal, welches Medium man konsumierte, überall sah man schwarz Vermummte und brennende Autos. Die Bilder waren verstörend, so etwas kennt man sonst nur aus Ländern jenseits des Mittelmeers. Und jetzt gibt es das auch (wieder) bei uns?

Krankhaftes Verlangen.

Vor und während des G20-Gipfels habe ich mich dabei erwischt, wie ich immer wieder die Lage der Ausschreitungen gecheckt habe. Und obwohl sich das falsch anfühlte, konnte ich das Online-Gaffen nicht lassen (immerhin habe ich dabei keine Rettungsgasse mit meinem Handy blockiert). Ich gebe zu, dass das nicht nur aus allgemeiner Sorge geschah, sondern auch aus einer gewissen Sensationsgeilheit. Und eine Frage hat mich dabei die ganze Zeit beschäftigt: Was bringt jemanden eigentlich dazu, sich zu vermummen, das Eigentum anderer zu zerstören und schwer bewaffnete Polizisten anzugreifen? Die Konsequenzen sind doch absehbar: Höchstwahrscheinlich wird man verletzt, verhaftet und verklagt. Und das ist okay. Gewalt und Sachbeschädigung sind nicht unbedingt die beste Wahl, wenn es darum geht die ungleiche Verteilung von Gewalt und Sachen in der Welt zu bekämpfen. Aber hey: Immerhin stehen da Leute auf der Straße und unternehmen was. Oder?

Om Fucking Shanti.

Ich werfe uns Yogis mehrheitlich vor (nicht allen!), im Zweifel eher erst mal nichts zu unternehmen. Lieber sitzen wir in unserer spirituellen Blase und meditieren. Abgeschottet von der Außenwelt suchen wir tief in uns selbst nach Erkenntnis und Frieden. Natürlich sind wir gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung – aber bitte nicht um jeden Preis. Jede Woche schaffen wir es fünf Mal in die Yogaklasse, aber null Mal auf eine Demonstration. Lebensmittel kaufen wir aus ökologischer Produktion, Handys und Klamotten aber meistens aus Kinderarbeit. Und das ganze yogische „Friede, Freude, Eierkuchen“-Ding funktioniert vor allem hier bei uns in Westeuropa, wo es genug (veganen) Eierkuchen für alle gibt. Das Schlimmste daran: Ich mache selbst ja auch nichts. Ich fühle mich zunehmend hilfloser in einer Welt, die in weiten Teilen nicht dem entspricht, was sie sein könnte und (meiner Meinung nach) sollte. Aber geh ich auf die Straße? Nö, keine Zeit, muss zum Yoga.

Be a Warrior not a Worrier.

Lokah Samasta Sukhino Bhavantu. Wenn wir Yogis wollen, dass alle Wesen frei und glücklich sind, sollten wir auch den Mut haben, ab und zu mal dafür von unserer Matte aufzustehen. Wir sind Krieger. Und es ist ja wohl kein Zufall, dass die Krieger-Asanas alle im Stehen ausgeführt werden. Krieger sitzen nicht auf der Matte und chillen, sie stehen fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Und wenn wir die Welt etwas besser, etwas gerechter machen wollen, müssen wir Krieger sein. Und damit meine ich nicht, dass wir uns vermummen und Steine werfen. Aber irgendwo sollten wir uns für Schwächere stark machen und kämpfen. Natürlich ohne Gewalt, aber gerne auch mal etwas lauter. Jeder für sich oder alle zusammen. So wie die 600 mutigen Yogis von #brigdestohumanity. Denn lieber machen wir das als die vermummten Chaoten. Namaste.

PS: Wenn du diesen Beitrag zu Ende gelesen hast, weißt du, dass ich niemals zu Gewalt aufrufen würde – Gewalt ist niemals die Lösung. Für nichts! Denk bitte daran, bevor du auf Facebook oder sonst wo darüber diskutierst (verbale Gewalt ist nämlich auch Gewalt).

 

Die Fotos sind von der radikalen aber Gewalt verabscheuenden Liza Meinhof.

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