Das Yogawort zum Sonntag – Du bist nicht allein.

Daddy allein zuhaus.

Diese Woche war ich die meiste Zeit alleine mit unserem Sohn und das hat sich überraschend einsam angefühlt. Es ist ja nicht so, dass es mit einem Dreijährigen langweilig ist (das ist es niemals!), aber ein kleines Kind ist andere Gesellschaft als ein anderer Erwachsener. Am seltsamsten fand ich es, abends – mit dem schlafenden Kleinen auf dem Arm – in die leere Wohnung zu kommen. Wenn ich ihn dann in sein Bett gelegt habe, war die Stille in der Wohnung irgendwie erdrückend. Ist das nicht komisch? Immer wünscht man sich mehr Ruhe im Leben und wenn man sie dann hat, kommt man überhaupt nicht damit klar. Offensichtlich ist das dieses Gras auf der anderen Seite, das sich alle immer so viel grüner vorstellen.

Was macht denn schon so allein?

Wie gesagt: So lange mein Sohn wach ist, bin ich ganz gut beschäftigt. Spielen, Vorlesen, Toben, Kuscheln – wenn man drei ist, fällt einem einiges ein, um den Tag von morgens bis abends optimal zu nutzen. Sobald das Kind aber schläft, ist man als temporärer Alleinerziehender im emotionalen Dschungelcamp. Man legt sich alleine auf die Couch und wünscht sich auf einmal, jemand würde den knappen Platz noch knapper machen. Bevor man ins Bett geht, stellt man brav das einzelne Glas in die Spülmaschine zu dem Glas vom Vorabend. Im Bad hat man auf einmal auch ganz viel Freiraum und weiß ihn gar nicht richtig zu nutzen. Sogar die frühmorgendliche Yogasession im Wohnzimmer fühlt sich seltsam an, wenn einen keiner dabei stört. Irgendwie war ich schon ganz schön lange nicht mehr mit mir allein.

Okay, ich habe es verlernt.

Früher war ich besser im Alleinsein. Ich gehöre zu den Menschen, die ganz gerne mal ihre Ruhe haben, um nachzudenken oder Gitarre zu spielen oder nicht von allen genervt zu sein. Aber durch die ständige Nähe meiner Familie ist es selbstverständlich geworden, dass Menschen bei mir sind und ich trotzdem „für mich“ sein kann. (Wenn das nach Autismus klingt: Meine Eltern haben mich mit einem vollumfänglichen Impfschutz ausgestattet.) Und auf einmal fühlt sich der ersehnte Rückzugsort ganz einsam an. Als ich ein paar Jahre Single war, kam ich ganz gut damit zurecht, hatte nicht das Gefühl verlassen zu sein. Doch jetzt stellt sich unterschwellig schon leichte Panik ein, wenn ich ein paar Abende mit meinem schlafenden Kind im Nebenzimmer verbringe. Was ist denn da los? Irgendwann muss ich das Alleinsein mit mir selbst verlernt haben. Und irgendwann will ich das wieder besser hinbekommen. So ein übler Typ bin ich nun auch nicht, dass man nicht mal einen Abend mit mir verbringen könnte. (Glaube ich.)

Sind wir jetzt zusammen?

Was mir natürlich auch fehlt in dieser Woche, ist eine ordentliche Yogaklasse mit Om und Shanti und allem Drum und Dran. Ich übe wirklich gerne zuhause, aber mir fehlt das gemeinsame Schwitzen mit anderen, so Matte an Matte. Doch was genau macht da eigentlich den Unterschied? Üben wir in der Yogaschule wirklich gemeinsam oder ist jeder für sich? Wir teilen uns einen Raum mit anderen Menschen, aber es darf uns auch niemand zu nahekommen. Eine „Armlänge Abstand“ (unvergessen!) zwischen den Matten sollte dann schon sein. Mindestens. Und unsere Augen sind entweder geschlossen oder wir schauen alle starr in dieselbe Richtung. Wir atmen halbwegs im Takt, aber unsere Bewegungen sind nicht zwingend im Einklang. Ich habe es schon ein paar Mal probiert, meine Asanas im exakt selben Rhythmus wie die Person neben mir auszuführen und fand es gar nicht so einfach. Nach einer Weile hat es aber geklappt und sich wirklich gut angefühlt. Aber kann ich auch meine Gedanken mit den anderen synchronisieren? Will ich das? Während der Praxis sprechen wir ja nicht miteinander, aber irgendwo gibt es doch eine Verbindung, die über unser gemeinsames Turnen hinausgeht.

Come Together Right Now!

Diese Woche habe ich gelernt, dass ich gar nicht so gerne alleine bin – zuhause, unterwegs oder beim Yoga. Ich mag Menschen, nicht nur, wenn sie sich so liebevoll wie ein schlafender Dreijähriger an mich kuscheln. Ich mag auch, wenn Fremde meinen Gedanken, meiner Seele oder was auch immer nahekommen. Diese unausgesprochene Verbindung. Aus meinen wenigen Tagen als „Teilzeitstrohwitweralleinerziehender“ nehme ich etwas Größeres mit: In Zukunft möchte ich vor allem beim Yoga nicht mehr so viel alleine sein. Wir schwitzen zusammen, wir schweigen zusammen, wir chanten, lachen, leiden zusammen. Und unsere Herzen schlagen fest im Takt. Die Yogapraxis verbindet uns auf einer höheren Ebene – wenn wir es nur zulassen. Und das können wir, das können wir lernen. Wir müssen uns aufeinander einlassen, sonst können wir auch zuhause vor dem Laptop Yoga praktizieren. Ich freue mich schon jetzt so sehr auf meine nächste Yogaklasse und alle Menschen, die diese wunderbare Zeit mit mir teilen. Und die ich ganz nah an mich ranlassen will. Außer auf meine Matte natürlich, das ist mir dann doch etwas zu nah. Namaste.

 

PS: Bevor es irgendwelche komischen Gerüchte gibt – meine Frau ist nicht zuhause ausgezogen. Wir haben diese Woche unser zweites Kind (eine Tochter) bekommen und die beiden Damen (alle gesund und munter!) haben einige Tage im Krankenhaus verbracht.

 

Die Fotos sind von der damals noch hochschwangeren Liza Meinhof.

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