Das Yogawort zum Sonntag – Sei doch mal laut.

Kannst du mir was vorlesen?

Wenn mein Sohn (3) will, dass ich ihm ein Buch vorlese, fragt er mich ganz höflich. Einmal. Beim zweiten Mal wird der Ton schon lauter, spätestens bei der vierten Wiederholung der Frage schreit er mich an. Und hat mich dann meistens auch schon überredet. Das Vorgehen ist ganz normal: Er wird laut, um die Dringlichkeit seiner Bitte zu betonen. Komme ich seinem Wunsch nicht sofort nach, erhöht er die Dosis bis ich entweder einknicke oder wir einen fetten Papa-Sohn-Streit haben. (Für alle Nicht-Eltern: So etwas wie „EIN Buch Vorlesen“ gibt es übrigens nicht. Wenn ich mal anfange, bin ich gut und gerne mal eine Stunde beschäftigt.)

Voll Psycho so.

Das Erhöhen der Lautstärke ist eines der einfachsten Mittel, um die Mitmenschen zu erreichen. Schon in meinem Reklamestudium im wunderbaren Pforzheim habe ich das gelernt, es hat irgendwas mit der psychophysikalischen Wahrnehmungsschwelle zu tun. Das ist z.B. auch der Grund, warum Fernsehwerbung immer lauter ist als der Ton des Programms (und einer der Gründe, warum ich keinen Fernseher mehr habe). Ist das nervig? Ja, auf jeden Fall. Bei meinem Sohn, beim Fernsehen, im Radio oder bei Durchsagen im ICE („Sänk ju“). Gut, dass wenigstens beim Yoga Ruhe und Ordnung herrschen. Oder?

Ruhe, bitte!

Psssst. Shanti.

Die Yogaschule ist ein Ort der Stille: Schon am Eingang ziehen wir unsere Schuhe aus, auf Zehenspitzen schleichen wir in den Übungsraum, rollen vorsichtig unsere Matten aus und genießen den Rückzug aus dem Lärm des Alltags. Ich bin wirklich schon latent genervt, wenn jemand zu laut auf dem Parkett trampelt (tut das eigentlich weh?) oder seine Matte herzlos neben meinem Kopf auf den Boden knallt (wenn ich die Augen zuhabe, heißt das, dass ich meine Ruhe will). Dabei ist Yoga gar nicht durchgehend (akustisch) leise: Das Harmonium groovet, das kollektive Om füllt den ganzen Raum, unser Ujjayi-Atem lässt uns wie liebestolle altersschwache Lastenesel röcheln und in vielen Klassen motiviert uns ein fetter Beat oder auch mal ein Live-Musiker zur dynamischen Ausführung der Asanas. Ist Yoga am Ende das Gegenteil von Leise?

So laut.

Yoga kann auch anders.

Die Statistik sagt: Nach zehn von zehn Yogaklassen fühle ich mich ruhiger als davor. Aber der Weg dorthin ist in den meisten Fällen sehr, sehr laut. In mir drin. Denn so sehr ich die Stille am Anfang und am Ende der Klasse schätze, so sehr mag ich die lange, laute Sequenz dazwischen. Und ich rede nicht von der Musik, sondern von meinem Herzen, das mich beim Yoga anschreit. Während der Klasse kommen so viele Emotionen in mir hoch, wie sonst den ganzen Tag nicht. Ich bin glücklich, erschöpft, müde, gerührt und auch mal traurig oder sogar wütend. Hin und her und hoch und runter und der Schweiß läuft und läuft. Beim Yoga ist meine Pumpe so laut wie das Herz eines frisch verliebten 13-Jährigen. Wenn ich es zulasse. Und das mache ich, in mir drin schreie ich alles raus und fühle mich einfach nur lebendig. Und am Ende, in Savasana, wird es dann – quasi als Erlösung – wieder ganz leise und Kopf und Herz gönnen sich zusammen mit dem erschöpften Körper eine verdiente Pause. Aber danach nehme ich etwas Wichtiges mit. Mein Innendrin hat sich mit den Jahren auf der Matte an den Lautstärkepegel gewöhnt und meine Gefühle verstecken sich nicht mehr, sondern übernehmen langsam aber sicher das Ruder. Zumindest ein Stück weit. Und ich bin endlos dankbar nicht abzustumpfen oder zu irgendetwas unterdrücken zu müssen und mich selbst hören zu können in dieser lauten Welt der schreienden Kinder und Reklamesendungen. Namaste.

 

Fotos: Yogadude, Liza Meinhof, Bilderhelden.