Das Yogawort zum Sonntag – Eine ziemlich wichtige Frage

Eine Frage der Anstellung.

Was meinen beruflichen Werdegang betrifft, bin ich – nett ausgedrückt – schon etwas herumgekommen. Das hat damit zu tun, dass ich in Werbeagenturen arbeite, in denen grundsätzlich eine hohe Fluktuation herrscht. Im Schnitt sind die Mitarbeiter nur zwei Jahre bei ihrem Arbeitgeber, dann ziehen sie weiter. Ob man das gut findet und ob das eher an den Arbeitgebern oder Arbeitnehmern liegt, will ich hier nicht bewerten, aber mit meiner Wechselfrequenz liege ich (statistisch gesehen) voll im Trend. Was das Job Hopping mit sich bringt, ist, dass man mit der Zeit relativ routiniert in Vorstellungsgespräche geht und das Lampenfieber vor diesen Selbstverkaufsgesprächen bei mir mittlerweile gegen Null geht. Die einzige Frage, die mich nach all den Jahren immer noch wahnsinnig macht, ist die Frage nach den eigenen Schwächen und Stärken (Gähn!).

Wahrheit oder Pflicht.

„Was sind denn Ihre größten Stärken und Schwächen?“ Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, muss ich mir leider ein herzliches Lachen unterdrücken (was mir nicht immer gelingt). Glauben Personalverantwortliche wirklich, dass sie auf diese Frage eine auch nur halbwegs ehrliche Antwort erhalten? Jeder Bewerber ist vorbereitet, hat alle Ratgeber gelesen und verkauft am Ende seine (erfundenen) Schwächen (Schokolade!) über Umwege als Stärken. Bla, bla, bla – gebt mir endlich den verdammten Arbeitsvertrag! Dabei würde es uns eigentlich ganz guttun, diese Fragen einmal ehrlich zu beantworten.

Kindermund tut Wahrheit kund.

Eine Yogalehrerin hat mir erzählt, dass sie ihre Schüler (ca. 12 Jahre alt) in einer Kinderyogaklasse mal einzeln gefragt hat, was sie wirklich gut können. Und die Schüler waren mehr oder weniger verwirrt: Keiner wollte sich vor die Gruppe hinstellen und sagen, was er seiner Meinung nach gut kann bzw. warum er besonders toll bei irgendetwas ist. Auf ihre Schwächen angesprochen, waren die Mädchen und Jungen dann gleich etwas redseliger. Ich kann dies nicht, das fällt mir schwer: Mathe, Geduld, Handykonsum zügeln. Die fast Jugendlichen wussten schon sehr genau, was sie alles nicht können, hatten aber wenig Plan, worin ihre Superkraft liegt. Wäre die Yogaklasse ein Assessment Center gewesen, hätten wohl alle Bewerber ihre Matten zusammenrollen und vorzeitig nach Hause gehen müssen.

Geht nicht, gibt’s nicht.

Natürlich lässt sich eine Yogastunde für Teenager nicht mit einem Vorstellungsgespräch vergleichen. Im Laufe der Berufsjahre eignen wir uns ja die nötigen Stärken für den jeweiligen Traumjob an (oder tun wenigstens so als ob). Aber im „richtigen Leben“, also als Mensch, sollte man sich schon mal überlegen, was man wirklich gut kann. Die Yogalehrerin hat ihre jungen Schüler dann etwas aus der Reserve gelockt, hat ihnen Vorlagen gegeben („Du hast doch eben richtig gut die Balance halten können“) und irgendwann kamen dann auch ehrlich gemeinte Antworten.

Ich kann das. Aber was eigentlich?

Ich finde, das ist ein ganz wichtiger Prozess. Nicht nur für Kinder, sondern ganz besonders für Erwachsene. Was kann ich wirklich gut? Wo liegen meine Stärken? Als Mensch, als Arbeitskraft, als Freund oder Vater? Jeder hat etwas, das er richtig gut macht. Der erste Schritt ist wohl, aus dem Erfüllen von Erwartungen heraus zu kommen. Was kann ich gut, weil ich ich bin, was ist das Tollste, was aus meinem eigenen Selbst herauskommt? Das können viele Sachen sein oder auch nur eine; große Dinge oder ganz kleine. Mich lässt die Frage seit zwei Wochen nicht mehr los und ich bin noch nicht am Ende meiner Gedanken. Aber ich arbeite daran und wenn ich es weiß, finde ich bestimmt endlich meinen Traumjob, in dem ich dann auch für immer bleibe. Namaste.

 

Fotos von der wirklich gut fotografierenden Liza Meinhof.

Ein Gedanke zu „Das Yogawort zum Sonntag – Eine ziemlich wichtige Frage

  1. Einen wirklich schönen Artikel hast du geschrieben- ich war permanent am Nicken 🙂
    Ich bin Kinderyogalehrerin und habe ähnliche Erfahrungen bei meinen Yogakindern gemacht. Deshalb habe ich vor einiger Zeit angefangen, kurz vor Ende der Stunde, jedem Kind ein Kompliment zu machen. In wenigen Sätzem jedem Kind kurz mitteilen, was es heute sehr gut gemacht hat. Dabei in die strahlenden Kinderaugen zu schauen, die dieses Kompliment aufsaugen wie einen Schwamm, hat mich auch sehr nachdenklich gemacht.
    Meistens hören die Kinder- und auch wir Erwachsenen -was wir nicht gut gemacht haben. Was wir gut machen oder gut können scheint nicht so erwähnenswert zu sein. Klar dass dann unsere Schwächen sofort präsent sind- das hören wir ja oft genug.
    Wie schade, denn unsere Ohren und unsere Seelen lieben nette Worte.
    Demnächst werden wir in der Kinderyogastunde wieder darüber reden was wir gut können. Ich bin schon sehr gespannt wie sich die Komplimente darauf auswirken.
    Nun möchte ich nicht gehen ohne auch dir ein paar nette Worte hier zu lassen. Ich habe deinen Blog erst kürzlich entdeckt und noch nicht so viel gelesen. Das was ich gelesen habe, gefällt mir richtig gut. Es macht Spaß deine Artikel zu lesen- und mir gefällt auch sehr gut, mit wie viel Freude du Yoga machst.
    namaste Ute

Kommentare sind geschlossen.