Das Yogawort zum Sonntag – Optimismus

„Und wenn doch?“

Unser Sohn hat uns vor ungefähr einem halben Jahr, als er also ziemlich genau drei war, eine Lektion erteilt. Zum einen sprachlich, zum anderen vor allem inhaltlich. Es ging im Gespräch um eine geplante Unternehmung, bei der er unbedingt etwas Bestimmtes machen wollte, was wir ihm nicht garantieren konnten. Meine Frau meinte dann zu ihm: „Und was machen wir, wenn das nicht geht?“ Und er hat mit seinen 36 Monaten Lebenserfahrung eine bemerkenswerte Antwort gegeben. Anstatt sich einfach eine Alternative auszudenken, meinte er direkt: „Und wenn doch?“.

Kindermund tut Wahrheit kund

Kindermünder stopfen nicht nur alles (wirklich alles) in sich hinein, sie sagen auch oft die unverblümte Wahrheit, ob sie wollen oder nicht. Mit dieser Superkraft sind sie uns Erwachsenen um mindestens die Jahre voraus, die wir älter sind als sie. Kinder glauben immer, dass alles super wird. Die Möglichkeit, dass irgendetwas nicht zu ihrem Glück beitragen könnte, existiert schlichtweg nicht. Schon bei Babys ist das so, wahrscheinlich hat die Evolution (alternativ: der Schöpfer deiner Wahl) dem Embriohirn einen Optimismus-Chip eigepflanzt, der es unentwegt an das Gute glauben lässt. Nicht die schlechteste Strategie, um den Überlebenswillen und damit den Fortbestand der Spezies zu sichern. Unglück, Scheitern, Regenwetter? Gibt’s nicht, das wird schon. Kinder sind von Geburt an keine Pessimisten, sie werden erst dazu. Oder werden sie dazu gemacht?

Practice what you preach.

Obwohl ich mittlerweile Vater von zwei Kindern bin, kenne ich mich mit Erziehungstheorien nicht wirklich aus. Ich habe die ganzen schlauen Bücher (die sich ja häufig widersprechen) nicht gelesen und mache da eine eher praxisorientierte Ausbildung. Mein erster Grundsatz: Liebe und gesunder Menschenverstand. Und der sagt mir, dass ich meinen Kindern erzählen kann, was ich will: Wenn ich selbst nicht nach meinen Ansagen handle, werden sie mich nicht ernst nehmen. Das gilt nicht nur für „Zieh dir ’ne Jacke an“ oder „Keine Schokolade im Bett“, sondern auch für „Sei nicht so verdammt pessimistisch!“. Jeder will, dass seine Kinder die Welt entdecken und wunderbare Erfahrungen machen und den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Aber das muss man ihnen dann schon vorleben. Meine Kinder werden nicht von selbst losziehen und – stellvertretend für ihren resignierten Vater – ihre Träume leben. Da muss ich schon mit gutem Beispiel vorangehen und selbst das Glück suchen.

Nomen est Omen.

Ich würde mich ja selbst als positiven Menschen beschreiben. Kürzlich hat jemand zu mir gesagt, er hat sich entschieden, glücklich zu sein und zwar jeden Tag. Diese Entscheidung habe ich für mich auch getroffen. Aber so einfach, wie es klingt, ist es nicht. Von Natur aus neige ich zum Zweifeln, hinterfrage Dinge manchmal zu viel. Sogar mein Vorname ist nach biblischer Herkunft eher pessimistisch: Der Apostel Thomas ist der Einzige, der die Auferstehung Jesu nicht glauben wollte und diesbezüglich nicht mal seinen elf Kollegen vertraute. Und bei mir selbst war das früher auch anders als jetzt. Geht das überhaupt? Darf man das? Klappt das denn? Und was ist, wenn es schiefgeht? Irgendwann habe ich dann die Kurve bekommen und angefangen die Dinge von Grund auf positiv anzugehen. Und bisher fahre ich ganz gut damit.

Mein Plan A

Natürlich müssen wir uns darauf vorbereiten, dass im Leben nicht alles nach Plan verläuft. Man hat ja auch Verantwortung als Ehemann und als Vater. Aber bei dem ganzen Angstgerede der Zeitungen und Versicherungsvertreter sollten wir uns nicht zu sehr auf das Schreckliche fixieren. Sonst vergessen wir am Ende ja noch das Leben zu genießen und sitzen zuhause, wo wir uns vor der Zukunft fürchten. Und das will ich meinen Kindern nun wirklich nicht vorleben. Denn was, wenn nichts Schlimmes passiert? Wenn alles gut geht? Wenn es sich ausgezahlt hat, mutig zu sein? Wenn man sein Glück findet, im Kleinen oder im Großen? Wenn es irgendwann doch klappt mit dem Handstand oder man mit 40 plötzlich Yogalehrer wird? Der Plan B ist für den Worst Case und der kann leider Realität werden. Aber viel härter arbeiten sollten wir jeden Tag an unserem Plan A. Der Weg, den wir gehen wollen, auf der Matte und daneben. Denn mit ein bisschen Optimismus tritt er dann vielleicht irgendwann ein: der Best Case. Und wenn nicht? Und wenn doch? Namaste.

 

Fotos von Liza-Anneth Meinhof.

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