Das Yogawort zum Sonntag – Für immer ist ganz schön lange

Was ist schon von Dauer?

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die in Werbeagenturen arbeiten, leide ich nach mehr als zehn Jahren (noch) nicht unter einer Sinnkrise. Trotzdem habe ich mir kürzlich mal wieder die Frage gestellt, was der ganze Quatsch eigentlich soll. Also nicht inhaltlich – ich denke schon, dass mein Job Sinn macht und über zehn Ecken dazu beiträgt, Jobs zu erhalten. Aber meine Arbeit (ich erstelle Kommunikations- und Website-Konzepte und schreibe Werbetext) ist alles andere als nachhaltig. In der Kreativbranche gilt nach wie vor die Regel, dass 90% der Denkarbeit für den Mülleimer sind und die restlichen 10% sind in Zeiten dieses Internets nach spätestens drei Jahren ebenfalls in der Tonne. Eigentlich sehe ich das sportlich, ich will ja auch nicht zehn Jahre lang dieselben Sachen lesen. Und es gibt Berufsgruppen, die deutlich härter von diesem Effekt der Kurzlebigkeit ihres Schaffens betroffen sind: Köche zum Beispiel. Außer schönen Erinnerungen und eventuell einigen Gramm mehr Körpergewicht hat man am Tag nach dem Restaurantbesuch nicht mehr viel vom Menü.

Früher war alles besser.

Früher haben die Menschen zwar nicht langsamer verdaut, aber die Konsumgesellschaft war immerhin weniger auf Wegwerfen-und-neu-kaufen optimiert. Unsere letzte Wohnung in Berlin war zum Beispiel in einem Haus von 1904. Und es war ein schönes Haus. Ich bezweifle allerdings, dass die schicken Neubauten, die heutzutage in Deutschlands Städten entstehen, noch im Jahr 2130 bewohnt werden. Genau so wenig wie wir wohl unsere Billy-Regale und Lack-Tische an unsere Urenkel vererben werden – im Gegensatz zu dem wunderschönen Schränkchen, dass meine Urgroßeltern zur Hochzeit bekamen und in dem wir nun Spirituosen (oben) und Kinderspielzeug (untern) lagern. Früher war nicht alles besser, aber was langfristiges Denken und Anschaffungen betrifft, waren unsere Ahnen uns weit überlegen. Und auch sonst war wohl mehr von Dauer: Die Menschen haben geheiratet und dann 50 Jahre zusammengelebt. Und ihre Jobs nicht jedes Jahr gewechselt. Oder ihren Wohnort. Oder die Haarfarbe.

Nicht immer für immer, aber meistens: Ein Tattoo.

Kopf oder Zahl?

Ich denke, das Hauptproblem mit dem Dauerhaften ist unsere Angst vor wichtigen Entscheidungen: Jeder, der schon mal mit seinem Lebenspartner Fliesen ausgewählt hat, weiß, welche Belastung es wohl sein muss, ein ganzes Haus zu bauen. Und in einer Weltwirtschaft, in der wir uns alles neu kaufen, was uns nicht mehr gefällt, müssen wir uns immer seltener mehr festlegen, der Hausbau ist da noch die Ausnahme. Aber immerhin können wir die Pressspan-Einrichtung nach die Jahren billig austauschen. Und auch in anderen Bereichen müssen wir uns nicht dauerhaft festlegen: Heiraten ist (zumindest bei Heterosexuellen) eher out und Job Hopping ist okay in Unternehmen, die ohne zu Zögern Stellen abbauen, wenn es mal nicht ganz rund läuft. Berlin nervt dich? Ab nach München. Dein Fahrrad ist zu langsam? Dann muss ein neues her. Du hast BWL studiert? Dann wirst du mit 40 vielleicht noch Yogalehrer. Wir müssen uns nicht entscheiden. Und in vielen Fällen ist das auch eine tolle Chance.

Wie lange ist das genau?

Ich fange bestimmt nicht an, den Begriff „Ewigkeit“ zu diskutieren – das könnte lange dauern (haha!). Aber wenn ich „für immer“ als „bis an mein Lebensende“ definiere, habe ich schon ein paar endgültige Entscheidungen für mich getroffen, habe geheiratet und Kinder bekommen. Mein Job gehört allerdings nicht dazu, in 20 Jahren werde ich wohl nicht mehr in hippen Agenturen sitzen und Buzzwords aneinanderreihen. Und, wie bereits angekündigt, startet ja noch dieses Jahr meine Ausbildung zum Yogalehrer. Aber bedeutet das, dass ich jetzt für immer Yoga praktiziere und das auch mein Beruf sein wird? Ich denke schon. Doch mit 25 war ich mir schon mal sicher, irgendwann zu diesen wahnsinnig fitten Opis zu gehören, die jedes Jahr 12 Marathons laufen. Das mit dem Laufen ist mittlerweile Geschichte, weil meine Gelenke mir schon mit Ende 20 in Rente gegangen sind. Beim Yoga sehe ich da aber mehr Potenzial: Es hat aus mir schon nach wenigen Jahren einen anderen Menschen gemacht und ich weiß, diese Reise ist noch lange nicht zu Ende. Wahrscheinlich ist sie das niemals. Außerdem fordert Yoga dem Körper nicht diese einseitigen harten Belastungen ab und die Asana-Praxis lässt sich auch besser dosieren, wenn es mal wieder irgendwo zwickt. Damit kann man dann auch alt werden. Namaste.

 

Fotos von der Liza „Bis dass der Tod uns scheidet“ Meinhof.

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