Wie ich durch Achtsamkeit Liebe und Wahrheit fand

Achtung, Buzzword-Alarm!

Wenn du als Yoga-Blogger gelesen werden willst, solltest du darauf achten, die richtigen Buzzwords in deinen Artikeln zu platzieren. Also die aktuell angesagten Begriffe, ohne die kein Blogbeitrag, Magazinartikel oder Konferenzvortrag im Yoga-/Spiri-/Eso-Umfeld ernst genommen werden kann. Über das Topthema „Authentizität“ habe ich mich in der Vergangenheit ja schon mit wechselnden Ansichten ausgelassen: Zum einen ist das etwas Wichtiges für die individuelle persönliche Entwicklung. Zum anderen aber auch ein breitgetretener Universalbegriff für das Versprechen, das ein Produkt oder eine Dienstleistung den Menschen etwas gibt, um sich selbst näher zu kommen. (Kleiner Spoiler: Um dir selbst näher zu kommen, musst du deinen Prachtarsch schon selbst bewegen. Das kann leider niemand für dich übernehmen.) Ein weiterer Begriff, um den sich auch beim Yogadude (nicht nur im Blog) vieles dreht, ist die viel zitierte Achtsamkeit. Ein Konzept, das oft gehört und nicht selten verkauft wird als schneller Weg zu einem besseren, erfüllteren Lebensstil. Aber ganz so einfach ist das nicht.

I need a holiday from my vacation.

Ich bin ja gerade im Urlaub. Also im Urlaub mit zwei kleinen Kindern. Auf dem Campingplatz. Und das ist – wenn man nicht aufpasst – ungefähr so entspannend wie ein Survival-Trip durch die Antarktis. Nackt. Weil meine Frau und ich aber nicht zum ersten Mal mit den Kids unterwegs sind, haben wir eine unumstößliche Urlaubswahrheit verstanden: Du hast nur Urlaub, wenn deine Kinder Urlaub haben. Das heißt konkret: Wenn meine beiden Babys den ganzen Tag umsorgt und bespaßt sind, fallen sie abends müde ins Bett (bzw. auf die Luftmatratze) und Mama und Papa haben noch Zeit für eine Runde Yoga oder/und ein Feierabend-Bier. Und das heißt noch konkreter (und jetzt wird es für alle, die noch keine Kinder haben vielleicht schmerzhaft): Wenn du denkst, du kannst die drei Wochen in Italien nutzen, um deine Yogapraxis weiter zu entwickeln, jeden Morgen beim Sonnenaufgang zu meditieren, den Kopfstand auf dem SUP-Board endlich zu perfektionieren oder einfach nur in Ruhe diesen unglaublich schönen Sommerhimmel zu genießen… Wenn du das denkst… hast du dich gehörig geschnitten.

Bitte recht achtsam.

Wenn der Yogalehrer-Daddy in der Sommerfrische so etwas wie eine spirituelle Erfahrung haben will, muss er ganz schön früh aufstehen. Noch früher. Und die Yogini-Mami bitten, so lange auf das seit 6:00 Uhr ausgeschlafene Kind aufzupassen, bis er seine Meditation am Strand beendet hat. Danach ist Action pur angesagt, bis der Nachwuchs gegen 21:00 Uhr wieder zurück ins Lalaland kehrt und die Eltern etwas Zeit für sich haben (s.o.) Davor ist das mit der Achtsamkeit so eine Sache. Vielleicht bin ich da kein besonders guter Yogi, aber es fällt mir einfach schwer in mich hinein zu spüren, wenn ich mit zwei kleinen Kindern ohne Schwimmkenntnisse in einem Pool mit 500 anderen bade. Oder auf dem Spielplatz bin. Oder eine von gefühlt fünf täglichen Mahlzeiten zubereite. Wie gesagt: Sind die Kids zufrieden, haben die Eltern eine stressfreie Zeit. Und unsere Kids sind sicher relativ leicht zufrieden zu stellen. Aber mit yogischer Lebensweise hat das im Normalfall erst mal wenig zu tun. Und das ist ja auch gut so, es sind ja schließlich Kinder.

Es gibt Achtsamkeit und Achtsamkeit.

Wie die meisten Eltern sind auch wir manchmal enttäuscht oder frustriert, weil wir gerne mehr Zeit für uns hätten in dem, was wir unseren Jahresurlaub nennen. Zeit, uns um uns zu kümmern. Zeit, uns das zu gönnen, was wir dringend brauchen. Achtsam zu leben, wenn endlich mal Freiraum dafür da wäre. (Warum zum Henker habe ich eigentlich die ganzen Urlaube ohne Kinder so hart verfeiert?) Weil dieser Urlaub ein Zeitgeschenk für unsere Tochter ist (haben wir bei unserem Sohn in dem Alter auch gemacht), habe ich mir überhaupt nichts anderes wirklich vorgenommen, außer mich um die Kleine und ihren Bruder zu kümmern. Ein paar Runden Yoga gehen natürlich immer in den Ferien, aber ganz ohne Ambitionen. Aber so konnte ich ganz viel Zeit mit unserer Tochter verbringen, die mich sonst nicht 24 Stunden täglich um sich haben kann. Und ganz behutsam in diesen kleinen Menschen hineinspüren und ihm noch ein Stückchen näherkommen. Also meine Achtsamkeit nicht mir selbst, sondern einem anderen Menschen schenken. In Form von nahezu ungeteilter Aufmerksamkeit. Asanas? Fehlanzeige. Achtsamkeit: Volltreffer.

Und was war mit Liebe und Wahrheit?

Wer selbst Kinder hat, weiß: Die Zeit rast! Du musst nur mal ein paar Tage verreisen und nach deiner Rückkehr ist dein Kind irgendwie ein anderes. Ich habe mich jetzt 2,5 Wochen lang sehr intensiv um mein kleines Baby gekümmert und nicht nur sie hat sich verändert, sondern auch unser Verhältnis zueinander. Obwohl wir uns sonst auch oft sehen (ich arbeite viel zuhause), vertraut sie mir jetzt noch mehr, geht noch liebevoller auf mich zu. Einfach nur, weil ich 20 Tage für sie da war, ist unsere Liebe gewachsen. Ach ja, und die Wahrheit habe ich auf diese Weise auch erfahren, allerdings von meinem Sohn. Denn morgens nach dem Aufwachen, bin ich einfach bei ihm liegen geblieben und habe ihm seine Zeit gegeben, die er morgens braucht, um in einem Zelt klarzukommen. Und dann habe ich gewartet, bis er von sich aus angefangen hat, zu reden. Ohne Zwischenfragen, ohne Kommentare. Und auf diese Weise kommt so viel ungeschönte, wunderschöne Wahrheit aus ihm raus, dass ich unendlich froh war, bei ihm zu sein anstatt alleine am Strand zu meditieren. Yoga mal anders. Namaste.

PS: Wir haben uns mit den Kindern auch nach Venedig gewagt, sind morgens um 7:30 Uhr mit der Fähre los und zum Glück ohne Kinderwagen durch die Stadt gepilgert. Die Fotos für diesen Artikel sind im wahrscheinlich schnellsten Foto-Shooting der Welt entstanden 🙂

Fotos: Liza Meinhof

4 Gedanken zu „Wie ich durch Achtsamkeit Liebe und Wahrheit fand&8220;

  1. Hallo ,

    ich hab deinen Blog gerade erst entdeckt – und du sprichst mir hier aus der Seele! Wir haben vier Kinder im Alter von 1,5 bis bald 8 Jahren, und Urlaub ist definitiv nicht mehr das, was er mal war *lach*.

    Es ist hart, nicht nur als Paar Zeit für sich zu schaffen, sondern noch mehr Zeit auch für sich selbst zu finden (zumal ja der Partner in der eigenen Auszeit immer Stress hat!) – und doch empfinde ich mein Leben als unendlich und unvergleichlich viel reicher als vor der Kinderzeit. (Was mich nicht davon abhält sie alle ab und zu mal auf den Mond zu wünschen.)
    Ich hab früher soviel Zeit verschwendet und mit sinnlosen Dingen verbracht. Seit Zeit mein größter Mangel ist, weiß ich sie eigentlich erst zu schätzen.

    Immerhin klappts bei mir inzwischen für einen festen Yoga-Termin in der Woche, und bald vielleicht zwei – das ist dann mein „Urlaub“.

    Wünsch euch noch einen schönen Resturlaub – im Herbst fahren wir mit allemann im Wohnmobil auch nach Italien. Wir nennens mal lieber nicht Urlaub B-).

    Lieber Gruß,
    Sonja

  2. Ja, so ist das mit Kindern! Da verschiebt sich der Alltag und das ist auch gut so! Ich habe sooo unendlich viel von bzw. durch meine Kinder gelernt: geduldiger sein, mich mit kleinen Fortschritten zufrieden geben, kindgerechtes Erklären (das ist manchmal gar nicht so einfach😁…), Rücksicht nehmen und auch Achtsamkeit. Und letztere eben nicht nur meinen Kindern und mir selbst ggü. sondern auch anderen Menschen, Tieren sowie der Natur ggü.
    Und für mich ist das mehr ‚Yoga‘ als nur um sich selbst im ‚hier und jetzt‘ zu kreisen wie das manche Yogapraktizierende tun😉
    Dir noch einen erholsamen, entspannten Urlaub🏕
    Namasté 🙏

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